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Abkalbebuchten sinnvoll gestalten

Ein guter Start der Milchkühe in die Laktation beginnt beim Abkalben. Hier gibt es in der Praxis aber noch eine Vielzahl an Verbesserungspotential. Die richtige Gestaltung und das Management der Abkalbebuchten ist von größter Bedeutung für einen guten Start von Kuh und Kalb.  


Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 3/2022 der Milchpraxis.


Die Kälberverluste sind in vielen Milchviehbetrieben zu hoch. In nicht wenigen Betrieben liegen sie weit über 15 %. Atemwegserkrankungen und Darminfektionen zählen zu den Hauptursachen. Durch Investitionen in die Haltungsumwelt (viel frische Luft und Licht) versuchen die Betriebe gegenzusteuern. Wichtig dabei ist aber, dass die Haltungsbedingungen konsequent schon im Abkalbebereich verbessert werden.  Die Zeit kurz vor, während und nach der Geburt ist für die Kuh mit sehr hohen Belastungen verbunden und damit ist das Immunsystem nicht voll leistungsfähig. Außerdem müssen in diesem Bereich neben den Ansprüchen der Kuh an Haltung, Hygiene und Stallklima auch die des neugeborenen Kalbes erfüllt werden. Die Grundlagen für eine hohe Leistungsfähigkeit und Nutzungsdauer der Milchkühe sowie eine hohe Fruchtbarkeit werden schon in den ersten Lebenstagen gelegt.

Zwei bis sechs Abkalbebuchten pro 100 Kühe

Etwa vier bis sieben Tage vor dem voraussichtlichen Abkalbetermin sind die hochtragenden Kühe in die Abkalbebucht zu bringen. Abkalbebuchten sind unverzichtbar, da das Abkalben für die Kuh bequemer und damit stressärmer erfolgen kann. Außerdem sind Tierbeobachtungen leichter möglich und das Trockenlecken des Kalbes kann durch die Kuh problemlos erfolgen. Für den Abkalbebereich sind in Abhängigkeit von der Verteilung der Abkalbungen im Jahresverlauf und der Aufenthaltsdauer der Kühe in der Bucht zwischen zwei bis sechs Abkalbebuchten pro 100 Kühe vorzusehen. Ist die Verteilung der Abkalbungen relativ gleichmäßig, werden nur vier Abkalbebuchten pro 100 Kühe benötigt.

Bei der Planung der Abkalbebucht sollte berücksichtigt werden, dass dieser Bereich ein Rückzugsgebiet für die Kuh darstellt, wo die Geburt möglichst natürlich aber auch unter Kontrolle erfolgen kann. Das bedeutet möglichst keine Störungen durch andere Kühe, ausreichend Bewegungsmöglichkeit (ca. 12-16 m² Buchtenfläche je Tier), eine sehr gut gereinigte und desinfizierte, mit trockenem Stroh eingestreute rutschfeste Liegefläche, gute Beleuchtung sowie viel frische Luft, um den Infektionsdruck niedrig zu halten. Die Strohmatratze hat eine wärmeisolierende und druckverteilende Wirkung (für das entspannte Liegen der hochtragenden Kühe sehr wichtig) und nimmt die Feuchtigkeit aus der Stallluft sowie Harn, Kot und Fruchtwasser auf. Deshalb ist täglich mit einer Strohmenge von 10 bis 12 kg je Tier und Tag einzustreuen. Die Versorgung der Kuh mit frischem Qualitätsfutter zweimal am Tag sowie die Möglichkeit der Aufnahme von Wasser in ausreichender Menge und Trinkwasserqualität sind von großer Bedeutung. Damit die Kuh artgerecht saufen kann, sind Tränkebecken mit offener Oberfläche vorzuziehen. Eine tägliche Kontrolle der Tränke und bei Bedarf deren Reinigung sollte eine Selbstverständlichkeit sein. In Gruppenbuchten sind mehrere Tränken zu installieren, da sonst die Gefahr besteht, dass rangniedere Tiere nicht genügend Wasser aufnehmen können.

Außenklimabedingungen – aber ohne Zugluft – senken die Keimbelastung und stellen Klima-reize für den Organismus dar.

Einzelabkalbebuchten sind aus hygienischer Sicht und für das Tierverhalten günstiger.
Gruppenabkalbebuchten sollten mit nicht mehr als drei Kühen belegt werden.

Kurze Wege und Nähe zum Melkstand

Aus arbeitswirtschaftlicher Sicht ist es notwendig, dass die Bucht gut einsehbar und zugänglich, aber auch gut mit dem Stalltraktor zu entmisten und zu reinigen ist. Vorteilhaft ist, wenn sich die Abkalbebucht in der Nähe des Melkstandes bzw. Vorwartehofes befindet, damit das Melkpersonal vor Beginn des Melkens und nach dem Melken ohne größeren Wegeaufwand eine Kontrolle vornehmen kann. Damit werden die Wahrscheinlichkeit einer kontrollierten Geburt und auch die rechtzeitige Gabe des Erstkolostrums gleich nach der Geburt deutlich erhöht. Dies ist für das Kalb von elementarer Bedeutung, da keine Übertragung von Antikörpern über die Plazenta vom Muttertier auf die Frucht erfolgte. Erst durch die Aufnahme des Kolostrums bekommt das Kalb einen passiven Immunschutz. Damit sinken die Erkrankungsrate und der Behandlungsaufwand der Kälber in der nachfolgenden Aufzucht. Die Gewichtsentwicklung und damit das ökonomische Ergebnis verbessern sich.

Wird im Milchviehbetrieb dreimal täglich gemolken, können sich Vorteile bei der Geburtsüberwachung ergeben. Vor und nach jedem Melken sollte die Geburtsüberwachung z. B. durch den Landwirt erfolgen. Wichtige Daten wie Tag und Stunde der Geburt, eventuelle Probleme bei der Geburt und den Kälbern, Zeit und Menge der ersten Kolostralmilchauf-nahme, die Ohrmarkennummer, aber auch Zustand und Verhalten der Kühe sind zu dokumentieren.

Durch die Nähe der Abkalbebucht zum Melkstand werden für die Kühe die Wege zum Melken verkürzt. Außerdem sind im Melkstandbereich die für die Reinigung der Abkalbebuchten notwendigen Kalt- und Warmwasseranschlüsse vorhanden, sodass auf die Verlegung von zusätzlichen Anschlüssen verzichtet werden kann.

Hygienemaßnahmen  

Eine optimale Geburtshilfe kann nur erfolgen, wenn die Bucht gut beleuchtet ist. Hier ist eine Beleuchtungsstärke von 200 Lux zu empfehlen. Wird das Kalb von der Kuh nach der Geburt trockengeleckt, hat das sehr positive Auswirkungen auf die Durchblutung des Kalbes. Außerdem soll über hormonelle Reaktionen der Abgang der Nachgeburt bei der Kuh stimuliert und die Zwischenkalbezeiten verkürzt werden.

Während und nach der Geburt kommt das Kalb mit einer Vielzahl von Krankheitserregern in Berührung. Wie stark das Kalb mit diesen Erregern konfrontiert wird, hängt von der Sauberkeit des Kuhkörpers, dem Zustand der Abkalbebucht und des Strohs, der Geburtshilfe und dem Stallklima ab. Sehr wichtig ist es, die Nachgeburt und das Stroh, das mit Geburtsschleim durchsetzt ist, gleich nach der Geburt aus der Bucht zu entfernen. Dasselbe sollte mit Kothaufen geschehen. Diese stellen ein großes Infektionsrisiko für das Kalb dar, da die bakteriellen bzw. viralen Krankheitserreger über das Maul des Kalbes aufgenommen werden können, bevor das Kalb mit Kolostralmilch versorgt wurde. Durchfallerkrankungen in der nachfolgenden Kälberaufzucht wären die Folge.

Abkalbebuchten sollten Außenklimabedingungen garantieren.

Einzel- oder Gruppenbucht?

Bei der Wahl zwischen Einzelabkalbebuchten und Gruppenbuchten haben sich Landwirte aus Investitions- bzw. Platzgründen, aber auch aus den arbeitswirtschaftlichen Vorteilen relativ häufig für die Gruppenbuchten entschieden. Abkalbebuchten erfordern aufgrund des großen Platzbedarfs hohe Investitionen, die bei den Einzelbuchten noch höher ausfallen als bei den Gruppenbuchten. Einzelabkalbebuchten sind aber aus Gründen der Hygiene, Geburtskontrolle und -hilfe sowie vom Tierverhalten den Gruppenbuchten überlegen. So reagieren rangniedere Kühe gestresster. Optimal sind 4 m Länge x 4 m Tiefe.  In der Einzelbucht kann nach jeder Abkalbung eine Reinigung und Desinfektion durchgeführt werden (Rein-Raus-Prinzip), so dass der Keimdruck sinkt.

Unter natürlichen Bedingungen bei der Weideabkalbung ziehen sich die Kühe zum Kalben zurück, das heißt sie sondern sich von den anderen Kühen ab. Abliege- und Aufstehvorgänge und unruhiges Laufen wechseln dabei in kurzer Folge. In der räumlichen Enge von überbe-legten Gruppenbuchten mit weniger als 12 m² Fläche je Tier ist das problematisch. Rangniedere Kühe werden durch andere unter Stress gesetzt. Stress kann sich negativ auf den Geburtsverlauf einschließlich Schwergeburten und Nachgeburtsverhaltungen auswirken sowie den Immunschutz der Kuh beeinflussen. Werden aus baulichen Gründen Gruppenab-kalbebuchten gewählt, sollten aus den vorher genannten Gründen maximal drei Kühe für die Belegung einer Bucht vorgesehen werden.

In den Gruppenbuchten treten auch häufiger Störungen in den Beziehungen zwischen Kalb, Muttertier und den anderen Kühen der Bucht auf. Aggressionen fremder Kühe gegenüber den Kälbern, eine erhöhte Verletzungsgefahr bei den Neugeborenen, Fremdbesaugen und Probleme bei der frühzeitigen Aufnahme von Erstkolostrum vom Euter können die Folge sein.

Aufenthaltsdauer der Kälber in den Abkalbebuchten

Untersuchungen der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern sowie der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft ergaben, dass beim Verbleiben der Kälber in der Abkalbebucht 40 bis 60 % der Kälber in den ersten vier Stunden nach der Geburt noch nicht gesaugt hatten. Der Landwirt ist deshalb gut beraten, wenn er die Aufenthaltsdauer des Kalbes auf das notwendige Minimum beschränkt. Nach dem Ablecken des Kalbes durch die Kuh sollte es in eine gut gereinigte und desinfizierte sowie mit viel trockenem Stroh eingestreute Box gebracht werden, wo die Kolostralmilchgabe gezielt erfolgen kann und damit eine kontrollierte Kolostralmilchaufnahme gewährleistet wird.

In der Praxis gibt es große Schwankungen bei der Haltungsdauer der Kälber in den Abkalbebuchten. Einige Betriebe setzen die Kälber gleich nach der Geburt ab, andere belassen die Kälber fast eine Woche in der Abkalbebucht. Eine lange Aufenthaltsdauer der Kälber in der Abkalbebucht ist aber nicht nur aus Gründen der Kolostralmilchaufnahme problematisch, sondern auch aus Sicht des erhöhten Infektionsdrucks und des Absetzstresses aufgrund zunehmender Bindung des Kalbes an die Mutter.

Nach dem Abkalben kommen die Kälber häufig in windgeschützte und sonnige Iglus. Fotos: Kanswohl

Fazit

Abkalbebuchten sollten so konstruiert und bewirtschaftet werden, dass ein Höchstmaß an Hygiene, Tierkomfort, Geburtskontrolle und Kontrolle des Tierverhaltens ermöglicht wird.

Sie müssen neben den Ansprüchen der Kuh an Haltung, Hygiene und Stallklima auch die des neugeborenen Kalbes erfüllen. Zu hohe Luftfeuchtigkeit und Zugluft sowie sehr hohe Schad-gasgehalte wirken sich sehr negativ auf die Neugeborenen aus. Reinigung und Desinfektion haben einen sehr hohen Stellenwert. Einzelbuchten sind gegenüber Gruppenbuchten zu bevorzugen. Vorteilhaft ist, wenn die gereinigten, desinfizierten und mit trockenem Stroh eingestreuten Einzelbuchten mehrere Tage vor der Belegung leer stehen.

In Gruppenbuchten werden rangniedere Kühe durch andere Kühe unter Stress gesetzt. Dies kann sich negativ auf den Geburtsverlauf einschließlich Schwergeburten und Nachgeburts-verhaltungen auswirken sowie den Immunschutz der Kuh beeinflussen. In Gruppenbuchten treten auch häufiger Störungen in den Beziehungen zwischen Kalb, Muttertier und den anderen Kühen der Bucht auf. Aggressionen fremder Kühe gegenüber anderen Kälbern, eine erhöhte Verletzungsgefahr bei den Neugeborenen, Fremdbesaugen und Probleme bei der frühzeitigen Aufnahme von Erstkolostrum können die Folge sein. Werden z. B. aus baulichen Gründen Gruppenbuchten gewählt, so müssen sie unbedingt im Rein-Raus-Prinzip betrieben werden. Außerdem sollte versucht werden, in der Gruppenbucht separate, abgetrennte Bereiche einzurichten, in die die Kühe direkt zur Abkalbung gebracht werden.

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