Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche (MKS) in Brandenburg im Januar 2025 sowie das aktuelle MKS-Geschehen in der Slowakei und in Ungarn zeigen die anhaltende Relevanz hochkontagiöser Tierseuchen in Europa. Diese Ereignisse unterstreichen, wie wichtig gezielte Vorsorgemaßnahmen sind – für Tiergesundheit, Tierwohl, die landwirtschaftliche Produktion und die wirtschaftliche Stabilität der Betriebe. Mit der Risikoampel können jetzt auch Milchviehhalter Schwachstellen erkennen und gezielt handeln.

Während in der Geflügel- und Schweinehaltung umfassende Biosicherheitsmaßnahmen aufgrund vielfältiger Seuchenrisiken mittlerweile zur Routine gehören, zeigt sich in der Rinderhaltung – mit Ausnahme einzelner hochprofessioneller Milchviehbetriebe – noch deutliches Verbesserungspotenzial. Zwar werden Checklisten genutzt und Einzelmaßnahmen umgesetzt, doch häufig fehlt das Bewusstsein und Verständnis der Bedeutung von Biosicherheitsmaßnahmen sowie ein systematisches, betriebsindividuelles Konzept, das jeden Tag im Betrieb „gelebt“ wird.
Warum Biosicherheit in der Rinderhaltung besonders ist
Die Anforderungen an die Biosicherheit unterscheiden sich je nach Produktionsrichtung. In der Mast- und Färsenaufzucht bergen vor allem Tierzukäufe, Transporte und Bestandswechsel ein erhöhtes Infektionsrisiko. In Milchviehbetrieben steht hingegen der intensive Personenverkehr im Vordergrund – etwa durch Tierärztinnen, Melktechnikerinnen oder Besamungspersonal – sowie die gemeinsame Nutzung von Futter- und Weideflächen. Auch Materialflüsse wie Einstreu, Gülle oder Futter bergen ein potenzielles Eintragsrisiko. Krankheitserreger wie Salmonellen, Paratuberkulose, IBR/IPV oder Clostridien können so unbemerkt in einen Bestand gelangen. Das macht deutlich: Biosicherheit ist keine Checkliste zum Abhaken, sondern eine Managementaufgabe, die betriebsindividuell gedacht und im Alltag gelebt werden muss.
Biosicherheit kann in der Rinderhaltung keinem starren Konzept folgen, sondern stellt eine Managementaufgabe dar, die zuallererst auf betriebsindividuelle Gegebenheiten angepasst sein muss und von allen Mitarbeitenden getragen werden muss.
Wie nun daher vorgehen? Aller Anfang ist jedoch oftmals schwer. Lange Zeit hatte die Branche Ruhe vor großflächigen Seuchengeschehen und damit ist das Risikobewusstsein weniger ausgeprägt. Außerdem machen es die Haltungsform, Komplexität und Art der Produktionsstrukturen, zahlreiche externe Personenkontakte, nicht durchgängige Standards, gewachsene Strukturen und die finanziell angespannte Lage auf den Betrieben nicht einfach, Biosicherheit durchgängig zu etablieren.
Die Risikoampel Rind
Die Risikoampel Rind ist ein niedrigschwelliges, kostenloses Online-Tool zur Bewertung der Biosicherheit im eigenen Betrieb. Entwickelt wurde sie an der Universität Vechta in Kooperation mit dem Friedrich-Loeffler-Institut, den Tierseuchenkassen Niedersachsen und Thüringen sowie weiteren Partnern aus der Praxis. Methodisch basiert sie auf der AI-Risikoampel (Geflügel) und der ASP-Risikoampel (Schwein).
Das Tool stützt sich auf max. 91 gezielte Fragen – die Fragenanzahl variiert je nach Produktionsrichtung. Diese wurden über ein dreistufiges Delphi-Verfahren mit einem bundesweiten Expertenpanel aus Wissenschaft, Praxis, Beratung und Behörden entwickelt und gewichtet. In einem ersten Schritt wurde eine umfassende Liste potenzieller Risikofaktoren aus Literatur, bestehenden Checklisten und behördlichen Vorgaben erstellt. Anschließend erfolgte in zwei Bewertungsrunden die Wichtung der Faktoren hinsichtlich ihrer epidemiologischen Relevanz. Ziel war es, eine praxisnahe, wissenschaftlich fundierte Einschätzung von betrieblichen Eintragsrisiken zu ermöglichen.
Der Fragebogen gliedert sich in sieben Funktionsbereiche: (1) Betriebslage und Struktur, (2) Sensibilisierung und Unterweisung, (3) bauliche und technische Ausstattung, (4) Personen- und Fahrzeugverkehr, (5) Materialkreisläufe, (6) Tierzukauf und Bestandshygiene sowie (7) Tiergesundheitsüberwachung.
Die Eingabe erfolgt anonym über eine Webplattform der Universität Vechta. Nach Auswahl von Betriebsgröße, Region und Produkti-onsrichtung beantwortet der Betrieb den Fragenkatalog über Multiple-Choice-Antworten. Das Ergebnis wird automatisch generiert und stellt farblich visualisiert den Status der Biosicherheit dar – sowohl gesamt als auch nach den Funktionsbereichen. Das Ergebnis stellt das Verhältnis von den erreichten im Verhältnis zu den erzielbaren Punkten insgesamt sowie nach einzelnen Kategorien – visualisiert mit Ampelfarben dar. Die Bearbeitungszeit beträgt etwa eine Stunde.
Ergänzt wird die Auswertung durch konkrete, priorisierte Handlungsempfehlungen – anhand der im jeweiligen Betrieb vorherrschenden Risikofaktoren. Alle Ergebnisse und Empfehlungen können kostenlos als PDF gespeichert und für die eigene Dokumentation verwendet werden.
Zielgruppen, Nutzen und Anwendungsbereiche
Die Risikoampel richtet sich an Milchvieh-, Mast- und Mutterkuhbetriebe ebenso wie an Tierärztinnen, Beraterinnen und Organisationen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Sie dient nicht nur der Eigenkontrolle, sondern kann auch als Grundlage für Beratungsgespräche, innerbetriebliche Schulungen oder zur Dokumentation gegenüber Behörden eingesetzt werden – etwa im Rahmen gesetzlich geforderter Biosicherheitskonzepte (z. B. nach Artikel 10, 25 und 102 des AHL).
Typische Einsatzbereiche sind:
• Erarbeitung des betrieblichen Biosicherheitskonzeptes
• Vorbereitung auf Tiergesundheitsaudits
• Unterstützung bei tierärztlicher Bestandsbetreuung
• Nachweis für Eigenkontrollsysteme
• Schulungsunterlage für Mitarbeitende
Besonders hilfreich ist die Ampel auch dort, wo bisher noch kein formales Biosicherheitskonzept besteht oder vorhandene Maßnahmen nicht regelmäßig überprüft wurden. Durch die Ampel wird der Einstieg erleichtert und der Dialog zwischen Tierhalter*innen und Beratung gestärkt.
Verantwortung auf allen Ebenen
Ein landwirtschaftlicher Betrieb trägt Verantwortung – und das auf vielen Ebenen. Das Aufgabenspektrum für tierhaltende Betriebe wird zunehmend komplexer: steigende gesetzliche Anforderungen, wachsender gesellschaftlicher Druck und eine sich verschärfende Marktlage erhöhen die Belastung im Betriebsalltag. Warum also zusätzlich noch Biosicherheit umsetzen?
Die Antwort ist klar: Weil Biosicherheit mehr schützt als „nur“ Tiere. Ein moderner Betrieb übernimmt Verantwortung – für den eigenen Bestand, für benachbarte Höfe, für die gesamte Lieferkette und letztlich auch für die Qualität der erzeugten Lebensmittel. Ein Seucheneintrag betrifft nicht nur den eigenen Betrieb, sondern kann sich über Transporte, Personenverkehr und Produktionsketten weiterverbreiten – mit potenziell massiven wirtschaftlichen Folgen.
Hinzu kommt die rechtliche Dimension: Nach dem EU-Tiergesundheitsrecht (VO (EU) 2016/429), dem Tiergesundheitsgesetz, der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, der Tierischen Lebensmittelhygieneverordnung sowie länderspezifischen Regelungen – etwa der Paratuberkulose-Verordnung in Niedersachsen – besteht eine gesetzliche Verpflichtung zur Umsetzung von Biosicherheitsmaßnahmen.
Zudem kann mangelnde Biosicherheit im Seuchenfall zu Einschränkungen bei Leistungen der Tierseuchenkassen führen – insbesondere dann, wenn der Betrieb durch unzureichende Hygiene zur Einschleppung oder Weiterverbreitung beigetragen hat.
Nicht zuletzt gilt: Jede Vorsorgemaßnahme ist angewandter Tierschutz – und ein zentrales Element verantwortungsvoller Tierhaltung.
Vier gute Gründe für mehr Biosicherheit:
1. Schutz der eigenen Tiere und wirtschaftlichen Existenz
2. Schutz benachbarter Betriebe und der Branche
3. Erfüllung gesetzlicher Vorgaben und Sicherung von Entschädigungen
4. Beitrag zu Tierwohl, Qualität und Verbrauchervertrauen
Fazit: Vorsorgen zahlt sich aus:
Das Eintragsrisiko von tierseuchenrelevanten Erkrankungen wie MKS, BVD, Salmonellose, IBR/IPV, Paratuberkulose und anderen Infektionskrankheiten wird sich zukünftig weiter erhöhen. Die Risikoampel Rind bietet eine fundierte, praxisnahe und kostenfreie Unterstützung, um betriebliche Schwachstellen zu erkennen und gezielt gegenzusteuern. Sie wurde gemeinsam mit der Praxis entwickelt und ist sofort anwendbar – anonym, unkompliziert und wissenschaftlich fundiert.
Ihre Vorteile auf einen Blick:
• Kostenlos, anonym und praxisnah
• Für alle Produktionsrichtungen geeignet
• Sofort nutzbar mit Online-Auswertung
• Objektive Risikoeinstufung mit klaren Empfehlungen
• Unterstützung bei Schulungen, Audits und Beratung
Biosicherheit ist kein Selbstzweck, sondern ein wesentlicher Beitrag zur zukunftsfähigen Tierhaltung. Entscheidend ist dabei das gemeinsame, kontinuierliche Bewusstsein und das kontinuierliche, verantwortungsbewusste Handeln im Schulterschluss – von Tierhalter*innen, Tierärzt*innen, Berater*innen und der gesamten Wertschöpfungskette.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 3/2025 der Milchpraxis.






























