„Die Fruchtbarkeit ist eine Zusatzleistung des Körpers“

Dr. Axel Wehrend ist Professor und Fachtierarzt für Reproduktionsmedizin an der Uni Gießen. Im Interview gibt er uns wichtige Einblicke rund um das Fruchtbarkeitsmanagement.

Gruppenabkalbeboxen sollten ausreichend Platz für die einzelnen Tiere bieten. Foto: AUfmkolk

Milchpraxis: Herr Prof. Wehrend, eine mangelnde Fruchtbarkeit ist nach wie vor die Hauptabgangsursache unserer Kühe. Was müssen wir dagegen tun?

Prof. Axel Wehrend: Zunächst sollten wir uns die Frage stellen, wann eine Kuh dem Abgangsursachenkomplex Unfruchtbarkeit zugeordnet wird. Dies ist sehr betriebsindividuell. Ein junges Tier, welches nach der dritten Besamung noch nicht tragend ist, werde ich vermutlich auch noch ein viertes oder fünftes Mal besamen. Bei einer Kuh in der fünften Laktation wird der Landwirt hingegen nicht mehr so viele Versuche unternehmen und das Tier wird dann wegen Unfruchtbarkeit den Betrieb verlassen.

Auch die Probleme in der Fruchtbarkeit sind sehr betriebsindividuell. Fütterung, Haltung und Management sollten so ausgerichtet sein, dass Fruchtbarkeitsstörungen als Abgangsursache keine große Rolle spielen. Kommen bestimmte Erkrankungen wie Nachgeburtsverhaltung, entzündliche Gebärmuttererkrankungen oder Eierstockzysten vermehrt vor, so sind in erster Linie die Geschlechtsorgane betroffen. Die Ursachen liegen jedoch meist in Mängeln bei der Fütterung, des Kuhkomforts oder der Geburtsüberwachung und der Geburtshilfe. Vor allem hier muss angesetzt werden. Auch Hitzestress kann eine Ursache sein.

Milchpraxis: Machen Sie es bitte konkret, welche Alarmsignale sollten den Landwirt aufhorchen lassen, etwas zu verändern? Welchen Besamungsindex sollte der Landwirt anstreben?

Wehrend: Jeder Landwirt sollte seine Fruchtbarkeits- und Gesundheitskennzahlen regelmäßig erheben, um bei Abweichungen sofort reagieren zu können. Zum Besamungsindex möchte ich keinen starren Grenzwert nennen, aber natürlich gilt: Je niedriger, desto besser!

Milchpraxis: Da die Milchleistung unserer Herden immer noch weiter steigt, werden viele Kühe bei noch relativ hoher Leistung trockengestellt. Brauchen wir in der aktuellen Entwicklung noch jedes Jahr ein Kalb pro Kuh?

Wehrend: Der Spruch „Jedes Jahr ein Kalb“ stammt aus der Zeit, als die Kühe noch eine Leistung von rund 5.000 Litern erbrachten. Heute muss jeder Betrieb individuell entscheiden, ob seine Kühe jedes Jahr ein Kalb bekommen sollen. Bei Herden
mit hoher Milchleistung ab ca. 9.000 Litern und vor allem einer guten Persistenz der Leistung ist dies sicherlich kein erstrebenswertes Ziel mehr für viele Betriebe. Bei Rassen mit höheren Kälberpreisen und einer niedrigeren Milchleistung wie beispielsweise in bestimmten Fleckviehherden kann dies jedoch nach wie vor sinnvoll sein.

Milchpraxis: Die Fachwelt diskutiert vielfach über eine verlängerte Zwischenkalbezeit (ZKZ). Welche Vorteile und welche Risiken ergeben sich daraus?

Wehrend: Zunächst sollten wir klarstellen, dass eine verlängerte ZKZ eine freiwillige Wartezeit ab 80 Tagen und mehr meint und nicht, ob man der Kuh statt 55 Tagen Wartezeit 60 Tage gewährt. Mit einer verlängerten ZKZ produziert ein Betrieb weniger Kälber, was allerdings nur ein Vorteil ist, wenn er die Kälber nicht benötigt. Es fällt weniger Arbeit rund um die Geburtsüberwachung, Kälberversorgung und das Trockenstellen an. Man erreicht eine höhere Tiergesundheit, da die Kuh weniger kritische Phasen durchläuft, denn die Phase um die Kalbung ist die gesundheitlich anfälligste Zeit. Der Betrieb muss die Milchleistung am Ende der Laktation nicht kappen und die Kuh hat eine längere Nutzungsdauer. Dadurch ist die Kuh nämlich weniger Risiken ausgesetzt, ernsthaft zu erkranken. Außerdem erreicht man damit in der Regel bessere Erstbesamungserfolge, weil dem Tier mehr Zeit zur Verfügung steht, sich nach einer Kalbung zu erholen und die Phase der negativen Energiebilanz bereits länger zurückliegt. Somit zeigt sich auch ein deutlicheres Brunstverhalten. Als Nachteil ist zum einen die Gefahr der Verfettung der Tiere anzusehen. Außerdem setzt eine verlängerte ZKZ voraus, dass die Besamungstechnik und Brunstbeobachtung umso besser durchgeführt werden müssen, da weniger Zeit bleibt, das Tier tragend zu bekommen. Zudem spielt natürlich auch die Stallkapazität eine Rolle, denn mehr laktierende Kühe benötigen auch mehr Platz im Produktionsstall.

Milchpraxis: Was empfehlen Sie also, wie viel Zeit sollten wir den Kühen nach der Kalbung bis zur nächsten Besamung geben?

Wehrend: Das liegt in erster Linie an der Kuh. Grundbedingung ist, dass die Gebärmutterrückbildung abgeschlossen ist und die Eierstöcke wieder ihre zyklische Aktivität aufgenommen haben. Wir dürfen also hier das biologische Fundament nicht vergessen. Entgegen vieler anderer Meinungen benötigt die Gebärmutterrückbildung bei den meisten Kühen sechs Wochen. Dann spielt das Ausmaß der negativen Energiebilanz eine große Rolle. Kühe, die stark an Körperkondition verlieren, sind kaum trächtig zu bekommen.

Weiterhin ist – wie eben schon angedeutet – auch auf die Güte der Brunstbeobachtung und der Besamung zu achten. Wenn ich länger mit der ersten Besamung warte, sollte ich mir auch viel Mühe geben, um nicht durch mangelhafte Brunstbeobachtung und Fehler in der Besamungstechnik Zeit zu verlieren. Das gilt natürlich immer, macht sich aber hinsichtlich der Zwischenkalbezeit bei einem grundsätzlich späteren Besamungsbeginn sehr deutlich bemerkbar.

Milchpraxis: Wovon hängt der richtige Besamungszeitpunkt ab?

Wehrend: Vom gewählten Fruchtbarkeitsmanagement. Wird nach detektierter Brunst besamt, ist die Brunstbeobachtung – ob durch den Menschen oder den Sensor – das A und O. Hierbei ist darauf zu achten, dass sich z. B. durch Hitzebelastung die Aktivitätsprofile von Kühen ändern können. Setzt der Betrieb ein Hormonprogramm ohne Brunstbeobachtung ein, müssen die vorgegebenen Zeiten eingehalten werden. Auch bei terminorientierter Besamung lohnt es sich, stichprobenartig zu überprüfen,
ob auf den Eierstöcken zum Zeitpunkt der Besamung eine Situation vorliegt, die zu einer Trächtigkeit führen kann. Grundsätzlich sollte so besamt werden, dass die Samenzellen im Eileiter auf die freigesetzte Eizelle warten – am Ende der Brunst vor der Ovulation.

Milchpraxis: Lässt sich die Fruchtbarkeit züchterisch verbessern?

Wehrend: Ja, durch die Einführung und Nutzung von Gesundheitszuchtwerten ist das möglich. Die Holsteinzucht hat dazu beispielsweise im April 2021 einen neuen Gesamtheitszuchtwert eingeführt. Der Gesundheitszuchtwert RZRepro umfasst Zyklusstörungen, Metritis und Endometritis sowie Nachgeburtsverhaltungen. Wir sollten uns aber vor Augen führen, dass die
Fruchtbarkeit eine „Zusatzleistung“ des gesunden Körpers ist – bei hoher Herdengesundheit erhalte ich auch automatisch eine gute Herdenfruchtbarkeit, wenn der Mensch keine großen Fehler macht.

Milchpraxis: Einige Betriebe setzen auf Hormonprogramme. Was halten Sie davon?

Wehrend: Wenn sie sinnvoll eingesetzt werden, viel. Ein Betrieb mit hoher Tierzahl, aber wenig Arbeitskräften kann durch Hormonprogramme Zeit bzw. Arbeit einsparen, da die Brunstbeobachtung wegfällt. Aber auch Hormonprogramme sind nur erfolgreich, wenn die Kühe gesund sind.

Milchpraxis: Wirtschaftlich bedeutend für die Betriebe ist das Erstkalbealter (EKA). Welches EKA sollten Milchviehhalter aus Ihrer Sicht anstreben?

Wehrend: Ein Erstkalbealter von 24 Monaten ist bei richtiger Spermawahl kein Problem. In der Praxis zeigt sich, dass bei höherem EKA häufig Verfettung auftreten kann, daher sollte möglichst im Alter von 14 bis 15 Monaten erstmals besamt werden. Voraussetzung ist natürlich eine gute körperliche Entwicklung. Das entspricht bei Holstein-Friesian einem Körpergewicht von 400 bis 430 kg. Das EKA beeinflusst die Lebenstagsleistung, an der wir uns aus Sicht der Nachhaltigkeit orientieren sollten.
Nach den Berechnungen vieler Ökonomen sollte sie bei über 15 Liter pro Tag liegen.

Milchpraxis: Der Einsatz von Fleischrassen hat sich auf vielen Betrieben etabliert. Bei welchen Tieren sollten Landwirte sie einsetzen? Welche Rassen empfehlen Sie?

Wehrend: Bei den Kühen, von denen der Landwirt die reinrassigen Kälber nicht für die Remontierung benötigt bzw. nicht sinnvoll vermarkten kann, ist der Einsatz von Fleischrassen sehr sinnvoll. Da der Bedarf dieser Kreuzungen steigt, werden Fleischbullen gezielt für diese Eignung selektiert bzw. auf ihre Eignung untersucht. Kriterien dafür sind Muskelmasse, Leichtkalbigkeit und eine kurze Trächtigkeitsdauer. Ein älteres Beispiel für diese Merkmale, welches momentan wieder an Aktualität gewinnt, ist die Rasse INRA 95. Derzeit werden für männliche Kreuzungskälber mit Weiß-Blauen Belgiern in Deutschland die höchsten Preise erzielt.

Milchpraxis: Die Transitphase ist ausschlaggebend für die Gesundheit der Kuh und für eine reibungslose Kalbung. Wie sollte sie gestaltet sein?

Wehrend: Dazu möchte ich drei Schlagworte nennen: höchster Kuhkomfort, beste Fütterung und optimale Tierbeobachtung, um Störungen rechtzeitig zu erkennen. Dies kann durch den Bau separater Transitställe oder eben durch die Verbesserung der bestehenden Möglichkeiten erreicht werden.

Milchpraxis: Wie sieht für Sie die perfekte Abkalbebox aus?

Wehrend: Im Optimalfall handelt es sich um eine Einzelbox mit Sichtkontakt zu anderen Tieren. Ansonsten sind Gruppenabkalbebuchten geeignet, wenn diese Rückzugsmöglichkeiten bieten. Rückzugsmöglichkeiten sind durchaus wichtig für das kalbende Tier, das zeigen uns Studien immer wieder.

Nach wir vor halte ich Stroh als die beste Einstreuvariante, außerdem sollte ausreichend Platz vorhanden sein, auch für eine mögliche Geburtshilfe. Eine ausreichende Wasserversorgung und bestes Stallklima, welches vor allem vor Hitzebelastung schützt, sind wichtig. Darüber hinaus sollte der Abkalbebereich leicht zu überwachen sein und möglichst mit Kameras ausgestattet sein, die ja mittlerweile leicht mit dem Smartphone zu koppeln sind, sodass die menschliche Überwachung immer gewährleistet ist.

Milchpraxis: Bei Geburtsschwierigkeiten werden Landwirte immer kompetenter. Doch ab wann ist der Tierarzt unabdingbar?

Wehrend: Wenn der Landwirt bei einer falschen Lage, Haltung oder Stellung des Kalbes nicht mehr fähig ist, es zu korrigieren und wenn ein fachgerechter Auszug des Kalbes nicht möglich ist, muss umgehend der Tierarzt hinzugerufen werden. Grundsätzlich führt auch das zu frühe Eingreifen zu Verletzungen, der Kuh wird oft nicht genug Zeit gelassen. Diese Verletzungen sind von außen gar nicht sichtbar und sie verursachen dann oft Fruchtbarkeitsstörungen und Gesundheitsprobleme.

Milchpraxis: In diesem Jahr haben sich 69 Betriebe auf den MSD-Preis in der Kategorie Fruchtbarkeit beworben. Was hat Sie bisher am meisten überrascht?

Wehrend: Bemerkenswert finde ich den Mut, den viele Betriebsinhaber an den Tag legen. Sie investieren hohe Summen in Automatisierung und Digitalisierung, um ihre Betriebe gut für die Zukunft zu rüsten. Der ausgeprägte Unternehmergeist der Landwirte begeistert mich genauso wie der Zusammenhalt in den einzelnen Familienbetrieben. Ich finde es beneidenswert, so generationenübergreifend wirtschaften zu können. Auch die tiefe Verwurzelung der Landwirte in ihrer Region ist sehr auffällig.

Prof. Wehrend hat gemeinsam mit dem Netzwerk Fokus Tierwohl verschiedene Erklärvideos rund um die Rindergeburt veröffentlicht – hier geht’s zu den Videos!