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E.coli- Mastitis: Die „Blutvergiftung“ aus dem Euter

ecoli beitrag

Durch das Bakterium E. coli  (Escherichia coli) verursachte Euterentzündungen nehmen häufig einen schweren, hochakuten Verlauf. Der Verlust des betroffenen Euterviertels oder der Tod des Tieres sind keine Seltenheit. Schlägt das anfängliche Fieber in eine Untertemperatur um, ist eine Verwechslung mit Milchfieber leicht möglich und kostet wertvolle Zeit für die richtige Behandlung.


Fragen und Antworten

Symptome: Wie verläuft eine E. coli-Mastitis bei der Kuh?

Die typische Mastitis, die durch- E. coli Bakterien ausgelöst wird, geht mit schweren Allgemeinstörungen einher, die auch schon vor den Symptomen am Euter auftreten können:

  • plötzlich einsetzendes, hohes Fieber (über 40°C, kann auch auf über 41°C steigen)
  • Inappetenz
  • Versiegen der Milchleistung
Am Euter zeigen sich:
  • starke Schwellung, öfter mit Wassereinlagerung (Ödem)
  • Rötung
  • Wärme
  • wässriges, oft gelbrötliches Sekret, z.T. mit großen Flocken
Schwere Form der Mastitis
Schwere Form der Mastitis
Im weiteren Verlauf können auftreten:
  • das anfängliche Fieber kann in eine Untertemperatur umschlagen (Achtung: Verwechslungsgefahr mit Milchfieber!)
  • Durchfall
  • Festliegen (durch Schädigung des Herz- Kreislaufsystems, Schocksymptomatik)
  • Schäden an inneren Organen (z.B. der Leber)
  • Kälte des betroffenen Viertels, das im schlimmsten Fall sogar absterben kann
  • Tod durch Organversagen

E. coli- Bakterien können auch Mastitiden verursachen, die weniger schwer und ohne Allgemeinstörungen verlaufen, dies ist jedoch seltener der Fall.

Erreger: Werden schwere Mastitiden nur durch E. coli- Bakterien ausgelöst?

Der Begriff „Coli-Mastitis“ wird öfter auch als Bezeichnung für Mastitiden verwendet, die mit schweren Allgemeinstörungen einhergehen. Doch solche schweren Verläufe können grundsätzlich durch alle Bakterien und auch Hefen verursacht werden, wobei die Häufigkeit schwerer Krankheitsverläufe von der Art des Erregers abhängt. Hier kann nur eine bakteriologische Untersuchung Aufschluss darüber geben, welcher Erreger die betreffende Mastitis verursacht hat. Allerdings hat eine Studie ergeben, dass es in 35 % der Fälle von schwerer Mastitis zu keinem Erregerwachstum kam.

Viele gemeinsame Eigenschaften mit E. coli- Bakterien haben coliforme (coliartige) Erreger:
  • Klebsiellen ( schwere Mastitiden häufig),
  • Enterobacter (schwere Mastitiden eher selten)
Unsaubere Kühe fördern das Auftreten der E.coli Mastitis
Unsaubere Kühe fördern das Auftreten der E.coli Mastitis
E. coli und coliforme Bakterien:
  • finden sich auch im Kot gesunder Kühe
  • sind somit in der Stallumgebung der Tiere vorhanden
  • verursachen Erkrankungen wenn …
    • 1.    die Abwehr der Tiere geschwächt ist
    • 2.    die Keimbelastung übermäßig hoch ist
  • können auf verschiedenen Wegen ins Euter gelangen:
    • 1.    über den Strichkanal
    • 2.    über Strichverletzungen/schlechte Zitzenkondition
    • 3.    über das Blut aus dem Magen-Darm-Trakt
    • 4.    über das Blut aus der Gebärmutter (z.B. nach Schwergeburten)
      –    bei Zerfall: Freiwerden von Giftstoffen (sogenannte Endotoxine: Lipoplysacharide, Bestandteile der bakteriellen Zellwand), verantwortlich für die schweren Krankheitssymptome

Diagnose: Wie werden die Erreger einer E.coli-Mastitis festgestellt?

Wie bei allen Euterentzündungen kann auch hier der auslösende Erreger nur durch die Untersuchung einer Milchprobe sicher bestimmt werden. Ein Schnelltest im Stall kann zunächst eine oberflächliche Beurteilung in gram-positiv (z.B. Streptococcus uberis, Staph. aureus) oder gram-negativ (z.B.E.coli, Klebsiellen) ermöglichen. Nur die Untersuchung der Milchprobe im Labor lässt eine eindeutige Differenzierung und Resistenzbestimmung zu.

Bei dieser Erkrankung ist in Bezug auf die Milchprobe folgendes zu beachten:
  • E.coli Kulturen
    E.coli Kulturen

    Behandlungsbeginn unmittelbar nach Milchprobenentnahme (wegen der Schwere der Erkrankung kann nicht erst das Ergebnis abgewartet werden)

  • saubere Entnahme besonders wichtig (sonst weist das Labor u.U. E. coli nach, die z.B. aus Kotverschmutzungen des Euters stammen)

  • Probenentnahme in einem möglichst frühen Erkrankungsstadium (E. coli- Bakterien zerfallen sehr schnell, Giftwirkung der Toxine besteht weiter, auch wenn keine lebenden Bakterien zum Nachweis mehr vorhanden)

Therapie: Wie wird eine E. coli-Mastitis behandelt?

Hierbei muss immer bedacht werden, dass das eigentliche Problem nicht der Erreger, sondern das freigesetzte Toxin ist.

Wirkung der Toxine:
  • Schädigung von Zellen im Euter
  • daraufhin Entzündung als Abwehrreaktion des Körpers (z.B. entstehen Schwellung, Rötung und Wärme durch vermehrte Durchblutung des betroffenen Viertels= beschleunigter Antransport von Abwehrzellen und Abwehrstoffen+ beschleunigter Abtransport von Zelltrümmern)
  • überschießende Entzündungsreaktionen belasten die Tiere u.a. durch Schmerz und Fieber
  • Endotoxine sind stark wirksame Gifte, oft Körperabwehr zur Bekämpfung zu schwach, dann überschwemmen Giftstoffe über die Blutbahn den Körper und verursachen auch Schäden in anderen Organen („Blutvergiftung“, medizinisch „Toxämie“)
Problem bei der Therapie mit Antibiotika:
  • Abtötung sehr vieler Bakterien innerhalb kurzer Zeit
  • daraufhin freiwerden großer Toxinmengen
  • einander widersprechende Angaben zum Therapieerfolg [1]
Therapie:
Infusionen Bild
Infusionen helfen gegen den Vergiftungsschock
  • Entzündungshemmer (NSAID)
  • bei schwergradigen Mastitiden mit Störungen des Allgemeinbefindens zusätzlich ein systemisch (intravenös oder intramuskulär) verabreichtes Antibiotikum (Antibiotika, die gegen E. coli und coliforme in der Regel wirksam sind, gerade bei Therapieversagen Ergebnis des Resistenztests wichtig) und
  • Flüssigkeitstherapie (Infusionen mit Glucose als Energiezufuhr, Elektrolytlösung um den Mineralstoffhaushalt zu unterstützen)
  • ggf. Drenchen, wenn die Tiere von selbst kein Wasser mehr aufnehmen
  • Eingabe von Präparaten zur Aufrechterhaltung der Pansenmotorik
  • häufiges Ausmelken, ggf. mit Oxytocin (auch hier einander widersprechende Untersuchungsergebnisse zur Wirksamkeit: einige Studien zeigen einen verbesserten Heilungsverlauf, andere keinen Effekt)
  • neuartige Therapieansätze mithilfe von Enzymen mit antientzündlichem Einfluss auf das Eutergewebe (Phospolipase A2) befinden sich in der Forschungsphase
  • auch die Therapie mithilfe von Phagen (Bakteriophagen sind eine Gruppe von Viren, die Bakterien infizieren und abtöten können) hat wieder an Aufmerksamkeit gewonnen. Bestimmte Stämme von Phagen in einer Art „Cocktail“ zeigten in einer kürzlich veröffentlichten Forschungsarbeit, dass sie vielversprechende antimikrobielle Wirkstoffe sind, die die Anzahl der Bakterien, der somatischen Zellen und der Entzündungsfaktoren erheblich reduzieren können, Mastitissymptome bei Kühen lindern und die gleiche Wirkung wie eine Antibiotikabehandlung erzielen können.

Prophylaxe: Welche vorbeugenden Maßnahmen senken das Risiko für E. coli- Mastitiden?

Welche vorbeugenden Maßnahmen senken das Risiko für E. coli- Mastitiden?

Da das Immunsystem der Tiere hier den größten Einfluss auf Infektion und Krankheitsverlauf hat, ist es besonders wichtig, dies durch optimale Fütterungs- und Haltungsbedingungen zu unterstützen.

  1. Fütterung
  2. Stallhygiene und Kuhkomfort
  3. Melkhygiene
  4. Unterstützung der Euterabwehr
  5. Impfung

1. Fütterung
  • bedarfs- und wiederkäuergerecht (Vermeidung von Über- oder Unterkonditionierung, ausreichende Strukturwirksamkeit= Vermeidung von Stoffwechselerkrankungen wie Ketose oder Azidose

  • besondere Aufmerksamkeit auf die kritische Phase um die Kalbung
  • bedarfsgerechte Mineralstoff- und Spurenelementversorgung
Unzureichende Futterhygiene
Unzureichende Futterhygiene
  • gute Qualität, Vermeidung von Fehlgärungen, Nacherwärmung und Schimmelbildung (gerade Schimmelpilzgifte führen nicht nur zu Schäden an Verdauungs- und Entgiftungsorganen, v.a. der Leber, sondern dämpfen auch direkt die Aktivität des Immunsystems)
  • im vorbelasteten Verdauungssystem Gefahr einer massenhaften Vermehrung der immer vorhandenen E. coli- Bakterien
  • Wasserversorgung:
    • + Qualität: v.a. bei Brunnenwasser Keimgehalt (E. coli!) und Spurenelementgehalt (v.a. Eisen) überprüfen lassen
    • + ausreichende Zahl von Tränkebecken (andere Tränken ungeeignet für Kühe), gute Zugänglichkeit auch für rangniedere Tiere
    • + ausreichende Anzahl von Tränkestellen auf der Weide (hier besonders auf Sauberkeit achten)

2. Stallhygiene und Kuhkomfort
  •  Einstreu:
    + anorganisches Material (Sand) optimal, aber Gülle- und Melktechnik dafür nur auf wenigen Betrieben geeignet
    + Sägespäne: sehr große Oberfläche, niedriger pH- Wert= optimale Bedingungen für E. coli und coliforme Erreger ( Keimzahlen von 1.000.000.000 coliformen Erregern pro g [4];  besonders Klebsiellen in großer Zahl in grünen oder feuchten Spänen), auf jeden Fall Beimischung von Kalk o.a. alkalischem Desinfektionsmittel für Liegeboxen nötig!
Liegebox mit viel sauberen Stroh
Liegebox mit viel sauberen Stroh

+ optimal: Kalk- Stroh- Gemisch (hoher pH- Wert, gute Feuchtigkeitsbindung)
+ regelmäßiges und häufiges Nachstreuen

  • Boxenkomfort:
    + passende Abmessungen für problemloses Aufstehen und Ablegen
    + ausreichende Polsterung der Liegefläche
    + beides verhindert verlängerte Liegezeiten, also auch Kot- und Harnabsatz in der Box
    + ausreichende Anzahl an Liegeboxen (keine Spaltenlieger heranzüchten, weil rangniedere Tiere keine Chance haben eine Liegebox zu „ergattern“)
  • Laufflächen:
    + trocken, rutschfest und sauber (Vermeidung von Euterverschmutzungen- direkt oder durch die Klauen und Beine im Liegen)
  • Abkalbebereich/ Tiefstreu:
    + keine „Doppelnutzungen“ als Abkalbe- und als Krankenbucht (4-6 Abkalbeboxen pro 100 Kalbungen einplanen)
    + Entfernung von frischem Kot und Nachgeburten nach jeder Kalbung
    + Entmistung/ Reinigung nach maximal fünf Abkalbungen, wenigstens alle 14 Tage (Rutschfestigkeit durch Gummimatte sicherstellen)

Dippen mit Filmbildnern
Dippen mit Filmbildnern
3. Melkhygiene:
  • gründliche Vorreinigung der Euter (Einmaleutertücher!)
  • Melken nur mit Gummihandschuhen (Erreger haften an der Haut wesentlich besser als an glatten Handschuhen)
  • denn: keine Übertragung über die Milch von Kuh zu Kuh, aber Eindringen von Erregern von Zitzenhaut und Melkerhänden in den offenen Strichkanal
  • nach dem Melken: Einsatz eines Barrieredippmittels (bildet einen Film, verstärkt bis zur nächsten Melkzeit den Verschluss der Strichkanalöffnung- kein Eindringen von Umwelterregern in den Zwischenmelkzeiten)

Abhängig von den Inhaltsstoffen erreichen einige Dippmittel eine stärkere Reduzierung der Keimzahlen gegen verschiedene spezifische Bakteriengruppen auf der Zitzenhaut als andere Produkte. Daher sollten bei der Auswahl eines Dippmittels die Bakterien im Umfeld der betreffenden Herde berücksichtigt werden.

  • Fixierung der Tiere im Fressgitter unmittelbar nach dem Melken (Strichkanal unmittelbar nach dem Melken noch völlig offen, schließt sich erst langsam wieder, Dippmittel kann trocknen)


4. Unterstützung der Euterabwehr
Unzureichende Zitzenkondition
Unzureichende Zitzenkondition
  • Vermeidung von Strich- bzw. Euterverletzungen (auch auf diesem Weg Eindringen der Erreger möglich); nach möglichen Ursachen für gehäufte Strichverletzungen „fahnden“
  • rasche Behandlung aufgetretener Strichverletzungen (wenn noch keine Entzündung: vorübergehendes Trockenstellen des entsprechenden Viertels)
  • Zitzenkondition verbessern:
    + Schleimhautausstülpungen, Verhornungen, Ausfransungen: Hinweis auf Melktechnikfehler
    + trockene, rissige Zitzenhaut: auf pflegende Komponente im Dippmittel achten
    –  keine intensive Züchtung auf Leichtmelkigkeit (Folge: langsamerer oder ungenügender Strichkanalverschluss)

5. Impfung

In Deutschland ist ein Impfstoff, der außer Komponenten gegen Staph. aureus und KNS auch einen Impfstoffanteil gegen E. coli enthält, zugelassen. Es handelt sich um einen inaktivierten Impfstoff, mit dem sogenannten J5 Impfstamm. Die gebildeten Antikörper sind kreuzreaktiv gegenüber einigen anderen gram-negativen Bakterien, weshalb auch eine Schutzwirkung z.B. gegenüber Klebsiellen besteht.

Impfschema laut Zulassung:

  1. Injektion 45 Tage vor dem erwarteten Abkalbedatum
  2. Injektion 1 Monat danach (mindestens 10 Tagen vor dem Kalben)
  3. Injektion 2 Monate nach der zweiten Injektion
Impfung gegen Mastitiserreger
Impfung gegen Mastitiserreger

Das komplette Immunisierungsprogramm sollte bei jeder Trächtigkeit wiederholt werden.

Zwei Wochen nach der ersten Injektion setzt die Immunität ein und hält bis etwa zweieinhalb Monate nach der dritten Injektion (entspricht ca. 4 Monaten nach dem Abkalben) an.

Die Erfahrungen mit dem Impfstoff in Bezug auf Coli-Mastitiden sind sehr unterschiedlich, Infektionsfälle an sich können nicht verhindert werden, allerdings wird der Schweregrad reduziert. Als einzige Maßnahme ist die Impfung nicht zu empfehlen, sie ist aber nach umfangreicher Diagnostik zur Ursache des Herdenproblems und Anpassung an den jeweiligen Betrieb in Verbindung mit Maßnahmen zur Optimierung von Fütterung und Hygiene hilfreich. Auch die Verwendung von bestandsspezifischen Impfstoffen kann in Betrieben mit wiederkehrenden Coli-Mastitisproblemen eine sinnvolle Option sein.

geschrieben von Esther von Lom, Tierärztin am 21. Mai 2014

aktualisiert von Dr. med.vet. Katharina Traulsen, 20.10.2021


Literatur:

  1. A. Deutz, W. Obritzhauser, J. Köfer, D. Hönger, H. Gruber 1999: Beitrag zur Colimastitis des Rindes- Klink, Therapie und zoonotische Aspekte. Der praktische Tierarzt/ L. Suojala 2010:  Dissertation / R.J. Erskine 1995: Coliform Mastitis Therapy. National Mastitis Council/ P. Winter, K. Fehlings 2013: Aspekte zur Therapie von Mastitiden in der Laktation und zum Trockenstellen. Der praktische Tierarzt Supplemente 6-2013
  2. Suojala 2010: Dissertation / D.E. Morin 2004: Beyond Antibiotics- What else can we do?. National Mastitis Council
  3. L. Suojala 2010: Dissertation / P. Winter, K. Fehlings 2013: Aspekte zur Therapie von Mastitiden in der Laktation und zum Trockenstellen. Der praktische Tierarzt Supplemente 6-2013
  4. W. Wolter, B. Kloppert 2007: Einfluss der Einstreu auf die Eutergesundheit. Regierungspräsidium Gießen