Körnermaistag
11. September 2026
Klostergut Reinsdorf, Versuchsgut Universität Göttingen
14.600 kg durchschnittliche Milchleistung, 1.400 ha Nutzfläche und eine klare Vision am Nord-Ostsee-Kanal: Die Eidermilch GbR zeigt, wie moderner Futterbau und maximaler Kuhkomfort Spitzenleistungen ermöglichen. In dieser Hofreportage begleiten wir das Maiskorn auf seinem präzise geplanten Weg vom Bovenauer Acker bis in den Milchtank und erfahren, warum Betriebsleiter Henning Ströh trotz politischer Bremsen Vollgas bei der Veredelung gibt.

Wer den Betrieb der Eidermilch GbR in Bovenau besucht spürt sofort, dass hier Struktur, Leidenschaft und ein tiefes Verständnis für Kuh und Natur Hand in Hand gehen. Gelegen in Schleswig-Holstein, direkt am Nord-Ostsee-Kanal, bewirtschaftet Henning Ströh (55) gemeinsam mit seinem Partner Cay Ahlmann beachtliche 1.400 ha. Die Rollen sind klar verteilt: Während Ahlmann den Fokus auf den Ackerbau legt, schlägt Ströhs Herz für die Milchviehhaltung. Mit einer Herdenleistung von 14.600 kg Milch (4,35 % Fett, 3,38 % Eiweiß) zeigt die Eidermilch GbR, wie moderner Futterbau und Tierkomfort Spitzenleistungen ermöglichen. Und auch die Nachfolge ist gesichert: Drei Kinder stehen bereits in den Startlöchern, um den Betrieb gemeinschaftlich als GbR weiterzuführen. Dabei sammelt die nächste Generation bereits jetzt Erfahrung – unter anderem auf einem Milchviehbetrieb in Schweden.
Das Erfolgsgeheimnis des Betriebs lässt sich am besten beschreiben, indem man den Weg des Maiskorns vom Acker bis in den Milchtank verfolgt.
Der Ursprung auf dem Acker – Fruchtfolge und Standort
Die Standortbedingungen in Bovenau sind geprägt von Bodenpunkten zwischen 35 und 55 sowie einem langjährigen Mittel von 840 mm Niederschlag. „Die trockeneren Jahre sind für uns eigentlich die besseren Jahre“, erklärt Henning Ströh mit Blick auf die kühlende Nähe zur Ostsee. Auf den 1.400 ha Betriebsfläche nimmt der Silomais mit 300 ha eine Schlüsselrolle ein. Davon verbleiben 150 ha auf dem Betrieb, der Rest geht an einen Partnerbetrieb. Die typische Fruchtfolge ist strikt durchdacht:
Mais -> Mais -> Winterweizen -> Wintergerste -> Ackerbohne -> Raps
Alle Flächen, auf denen Mais angebaut werden soll, erhalten eine Winterbegrünung. Das schont den Boden, konserviert die Nährstoffe, sorgt für mehr Humus und unterdrückt Schadorganismen. Neben Mais runden Weizen, Raps, Grünland, Zuckerrüben und Ackerbohne das Portfolio ab. Dank dieser breiten Fruchtfolge und einem konsequenten Fokus auf die Hygiene der Erntemaschinen hat der Betrieb Ungräser wie den gefürchteten Ackerfuchsschwanz gut im Griff. Um keine Resistenzen oder Samen einzuschleppen, setzt der Betrieb konsequent auf einen eigenen, schlagkräftigen Maschinenpark (u. a. sieben Schlepper zwischen 240 und 360 PS, eigene Drillmaschinen und Mähdrescher). Lediglich die Futterernte wird an den Lohnunternehmer übergeben.
Der Betrieb „Eidermilch“ auf einen Blick
Betriebssitz: Bovenau, Schleswig-Holstein
Nutzfläche: 1.400 ha, 35–55 Bodenpunkte, 840 mm Jahresniederschlag
Flächenaufteilung: 450 ha Weizen, 300 ha Mais, 280 ha Raps, 150 ha Grünland, 18 ha Zuckerrüben sowie Ackerbohnen
Mitarbeiter: 12 Festangestellte, 1 Azubi, Trainees/Studierende
Tierbestand: 750 Milchkühe (ca. 680 melkend), Schwarzbunt und Rotbunt Remonitierungsrate: 30 %
Melkstand: Doppel-20er Side-by-Side
Energie und Kreislauf: 250-kW-Biogasanlage, PV-Anlagen
Pflanzenbau – Geduld an der Drille und Feldhygiene
Beim Maisanbau überlässt Cay Ahlmann nichts dem Zufall. Ob Pflug oder Grubber zum Einsatz kommen, entscheidet er nach der Bodenbeschaffenheit nach der Ernte – im Jahr 2025 wurde zur Aussaat fast komplett gegrubbert. Als Standard gegen Schädlinge, wie den Maiszünsler, wird die Messerwalze zur Stoppelbearbeitung eingesetzt.
Mit der eigenen, 6-reihigen Drilltechnik legt der Betrieb rund 35 ha Mais am Tag. Das ist bewusst langsam, sorgt aber für ein perfektes Ergebnis. Besonderes Augenmerk liegt auf den Vorgewenden: „Die Ernte soll überall so gut sein wie in der Fläche. Die Erträge werden auf dem Vorgewende gemacht“, betont Ströh. Bei der Sortenwahl setzt der Betrieb auf eine Siloreifezahl von 230; dort, wo im Anschluss Weizen folgt, auf frühere 210er-Sorten. Wichtig sind Betriebsleiter Ströh hohe Stärkegehalte, Stay-Green-Eigenschaften und eine hervorragende Restpflanzenverdaulichkeit.
DER SPÄT GEDRILLTE MAIS ÜBERHOLT IN DER REGEL DEN FRÜH GEDRILLTEN. DESWEGEN SÄEN WIR OFT SPÄTER, DAS BRINGT RUHE IN DIE BETRIEBSABLÄUFE.
Große Probleme mit dem Maiszünsler oder Drahtwurm kennt man in Bovenau dank rigoroser Feldhygiene und Winterbegrünung nicht. Einzig der Vogelfraß nimmt zu: Neben Krähen, die dieses Jahr eine Nachsaat von fünf Hektar erforderten, gesellen sich zunehmend Kraniche dazu. Dennoch überzeugt das Ergebnis: Im fünfjährigen Mittel liefert der Mais stabile 550 dt/ha mit steigender Tendenz.
Ernte und Siliermanagement – Präzision im Shredlage-Verfahren
Wenn es um den Erntezeitpunkt geht, plant der Chef präzise. Aufgrund der hohen Milchleistung der Herde schaut Ströh sehr genau, wann die Häcksler rollen. Angestrebt werden 32–35 % Trockensubstanz (TS) in der Maispflanze. Während der Ernte wird zusätzlich alle zwei Stunden eine Probe gezogen, um maximale Homogenität zu garantieren.
Die mechanische Aufbereitung im Häcksler ist der Schlüssel zu einer stabilen Milchleistung: Auf dem Betrieb ist eine Häcksellänge von 12–14 mm im Shredlage-Verfahren Standard. Damit wird die Oberfläche maximal vergrößert, wodurch die Kühe die Energie optimal aufschließen können. „Aus dieser Silage kommt unfassbar viel Milch raus“, schwärmt Ströh.
DIE MECHANISCHE AUFBEREITUNG IM HÄCKSLER IST DER SCHLÜSSEL ZU EINER STABILEN MILCHLEISTUNG.
Für die aerobe Stabilität werden der Maissilage standardmäßig heterofermentative Siliermittel zugesetzt. Beim Gras kommt ein Mix aus homo- und heterofermentativen Mitteln zum Einsatz. Die Siloentnahme erfolgt mittels einer Fräse über die gesamte Anschnittfläche, was für einen sauberen Vorschub von durchschnitt-lich zwei Metern pro Woche und für eine geringe Nacherwärmung sorgt.
Fütterung und Tierkomfort im Stall
Die verfütterte Mischration ist hochkonzentriert: im Schnitt nehmen die Kühe täglich 13,5 kg TS aus Mais und 3,2 kg TS aus Gras in einer Totalmischration auf. Um den hohen Stärkegehalt des Maises abzufedern und Pansenazidosen zu vermeiden, wird die Ration alle vier Wochen untersucht und entsprechend angepasst. Dabei steht der Betrieb eng mit einem Tierarzt und einem externen Fütterungsberater im Austausch. Als zusätzlicher Puffer dienen Natriumbicarbonat sowie Dinkelspelzen, die aufgrund stabilerer Nährstoffwerte dem klassischen Futterstroh vorgezogen werden. Die Herde umfasst 750 Milchühe, davon 680 melkend. Gemolken wird dreimal täglich in einem großzügigen Doppel-20er-Side-by-Side-Melkstand im 3-Schicht-Betrieb. Die Milch wird an eine Genossenschaft geliefert. Diese liefert täglich Daten aus der Milchkontrolle, während ein sensorbasiertes Kaumanagement-System die Tiergesundheit rund um die Uhr überwacht. Diese Informationen unterstützen Betriebsleiter Ströh dabei, tagesaktuell auf Veränderungen am Einzeltier einzugehen und Probleme im Bestand frühzeitig zu erkennen.

Der Betrieb Eidermilch verzichtet auf klassische Leistungsgruppen. Die Tiere werden in eine Frischmelkergruppe (bis zum 50. Tag), eine Besamungsgruppe und nach dem Belegen in eine Kontrollgruppe eingeteilt. Die Remontierungsrate im Betrieb liegt bei rund 30 %. Gesextes Sperma (Schwarz- und Rotbunt) sichert die weibliche Nachzucht des Betriebes, die übrigen Besamungen erfolgen mit Fleischrassen, wobei die Kälber nach 28 Tagen verkauft werden.
Tabelle: Herdenleistung im Überblick
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Durchschnittliche Lebenstagsleistung | 24,5 kg/Tag |
| Jahresleistung/Tier | 14.600 kg (4,35 % Fett, 3,38 % Eiweiß) |
| Mittlere Lebensleistung | 46.100 kg |
| Gelieferte Milchmenge pro Jahr | ca. 10,2 Mio. kg |
Der Kuhkomfort steht an oberster Stelle. Im Frühjahr wurden 40 zusätzliche Ventilatoren installiert, womit nun insgesamt 100 Ventilatoren für ein optimales Stallklima sorgen. „Wenn das Leistungsniveau im Sommer durch Hitze einmal einbricht, erreicht die Kuh ihre Spitze nicht mehr“, weiß Ströh. Das Markenzeichen des Herdenmanagers: absolute Ruhe. Treibstöcke oder Beckenklammern sucht man hier vergebens. Das Futter wird alle zwei Stunden manuell herangeschoben – bewusst ohne Roboter, um immer einen Blick auf die Kühe zu haben. Zusätzlich behalten die über dem Futtertisch installierten Kameras das Misch- und Fressverhalten der rangschwachen Kühe genau im Auge. Für kranke Tiere gibt es eine eigene, strohgedeckte Liegebox, die so zentral auf dem Hof platziert ist, dass jeder, der den Hof überquert, automatisch ein Auge auf die sich darin befindlichen Tiere wirft. Die zentrale Lage der Liegebox, weg aus der Ecke, hat die Abgänge signifikant reduziert.
Zukunftsausblick – Kreislauf und Menschlichkeit
Der Betrieb Eidermilch steht auf einem soliden Fundament. Das liegt auch am System: Die hofeigene 250-kW-Biogasanlage wird hauptsächlich mit Gülle gespeist. Der Strom wird über das EEG vermarktet, die Wärme fließt komplett in den innerbetrieblichen Verbrauch. Gärreste und Gülle ersetzen zudem den Zukauf teurer Mineraldünger.
„Der Ackerbau wird durch fehlende Beizen und strenge Pflanzenschutzauflagen politisch immer weiter zurückgedrängt. Das Geld wird in Zukunft mit der Veredelung – sprich Kühen und Biogas – verdient“, prognostiziert Henning Ströh. Die Pläne für die nächsten Jahre stehen bereits: Die Biogasleistung soll auf 15 MW ausgebaut werden, und die Herde soll um weitere 200 Kühe wachsen. Trotz Hightech und Großbetrieb bleibt Ströh bodenständig. Für ihn ist der wichtigste Erfolgsfaktor das Team: „Alles, was ich erreicht habe, habe ich nur erreicht, weil ich so gute Menschen um mich herum habe. Der Hof wird nicht vom Büro aus geführt – und eine gemeinsame Tasse Kaffee ist manchmal mehr wert als ein Euro mehr Lohn.“
Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe Mais 3/2026.
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