Eutergesundheit hat kein Höhenmaß!

Eutererkrankungen zählen nach wie vor zu den bedeutendsten Gesundheitsproblemen in vielen Milchviehbetrieben. Prof. Dr. Volker Krömker von der dänischen Universität Kopenhagen verrät im Interview, wie er aktuelle Entwicklungen auf dem Gebiet der Eutergesundheit bewertet, und gibt praktische Tipps.

Hygiene und Sauberkeit ist für die Eutergesundheit das A und O und daran lässt sich immer etwas verbessern. Foto: Aufmkolk

Milchpraxis: Um Schwachstellen in der Eutergesundheit im eigenen Betrieb zu erkennen, helfen die Daten aus der Milchleistungsprüfung (MLP). Welche Kennzahlen sollten sich Milchviehhalter dazu in erster Linie vornehmen?

Prof. Dr. Volker Krömker: Um die Eutergesundheit einer Herde zu überwachen, ist es wichtig, die sechs Eutergesundheitskennzahlen anzuschauen, die ein fester Bestandteil im Bericht der MLP sind. Dazu gehören: der Anteil eutergesunder Kühe in der Herde in Prozent, die Neuinfektionsrate in der Laktation, die Neuinfektionsrate in der Trockenperiode, die Heilungsrate in der Trockenperiode, der Anteil in Prozent unheilbar euterkranker Tiere und die Erstlaktierendenmastitisrate.

Milchpraxis: Es ist leider zu beobachten, dass Roboterbetriebe zunehmend nicht mehr an der MLP teilnehmen. Welche Argumente können Sie geben, dass auch diese Betriebe weiterhin teilnehmen?

Krömker: Betriebe mit automatischen Melksystemen sollten wissen, dass die Messtechnik der Roboter eine andere ist als in der MLP. Vor allem die Einschätzung der subklinischen Mastitissituation gelingt mit der verfügbaren Technik in automatischen
Melksystemen nicht in völlig vergleichbarer Weise. Eine vergleichbare Einschätzung der subklinischen Mastitissituation ist nur mit der MLP möglich. Auch wenn die Messtechnik der Melkroboter besser geworden ist und ein breiteres Spektrum an Parametern bietet, sind die Ergebnisse nur bedingt vergleichbar mit denen aus der MLP.

Milchpraxis: Immer häufiger stehen Betriebe vor der Herausforderung, Kühe bei noch hoher Milchleistung trockenzustellen. Welche Tipps können Sie dazu geben?

Krömker: In einigen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass die Höhe der Milchleistung am Tag des Trockenstellens ein Risikofaktor für die Entstehung von Neuinfektionen in der Milchdrüse während der Trockenperiode ist. In Zeiten des selektiven Trockenstellens wird dieser Risikofaktor möglicherweise noch wichtiger. Eine Verringerung der Tagesmilchmenge auf weniger als 15 Liter am Tag kann durch Aussetzen von Melkzeiten oder bzw. und durch Änderung der Ration erreicht werden. Schwedische Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass die Kombination aus Rationsänderung und Melkreduzierung auf drei Melkungen im Abstand von jeweils 36 Stunden sehr effektiv zu einem Rückgang der produzierten Milchmenge geführt hat.

Milchpraxis: Welches Vorgehen empfehlen Sie bei einer Mastitisbehandlung? Welche Alternativen zu Antibiotika empfehlen Sie bei Mastitis?

Krömker: Eine gute Vorgehensweise bei einer Mastitisbehandlung beginnt mit der Entnahme einer Milchprobe aus dem betroffenen Viertel und der nachvollziehbaren Dokumentation des Mastitisfalls und seiner Ausprägung: leicht – nur Milchveränderung, mittel – inkl. Veränderung der Milchdrüse, schwer – mit Störungen des Allgemeinbefindens der Kuh. Auf der Basis dieser Informationen kann mit dem/ der Hoftierarzt/Hoftierärztin eine Behandlungsstrategie entworfen werden, die zum
Betrieb passt. Sie kann die Anwendung von Schnelltests beinhalten, die den antibiotischen Aufwand erheblich senken können.

Bei grundsätzlich therapiewürdigen Tieren mit Infektionen durch Gram-positive Mikroorganismen oder bei schweren Mastitiden empfiehlt sich die Anwendung von Antibiotika. In anderen Fällen kann auf eine Antibiotikagabe verzichtet werden. Eine Alternativbehandlung mit Entzündungshemmern, Masti Veyxzym oder Pyrogenium ist in diesen Fällen möglich.

Prof. Dr. Volker Krömker ist Experte auf dem Gebiet Eutergesundheit und Milchhygiene. Foto: privat

Milchpraxis: In zahlreichen Betrieben haben digitale Systeme bereits Einzug erhalten. Welches Potenzial sehen Sie darin, die Eutergesundheit zu verbessern?

Krömker: Für die Entstehung von Mastitiden sind in den meisten deutschen Milchviehbetrieben Mikroorganismen verantwortlich. Aus meiner Sicht kann durch die Anwendung der verfügbaren digitalen Systeme die Eutergesundheit nicht nennenswert verbessert werden. Milchviehbetriebe können die Eutergesundheit ihrer Milchkühe langfristig nur durch höhere Arbeitsstandards
verbessern: durch konsequente Hygiene, Sauberkeit und Trockenheit. Die frühzeitige Erkennung von Störungen der Eutergesundheit ist nur dann sinnvoll, wenn die Erkennung Maßnahmen nach sich zieht. Eine unverzügliche Behandlung von Störungen der Eutergesundheit ist in den allermeisten Fällen aber nicht sinnvoll, weil es eine hohe Spontanheilungsrate gibt. Somit geht es im Wesentlichen um die Erkennung schwerer Mastitiden. Hier erreicht die verfügbare Technik in etwa die Qualität von ordentlichen Melkern.

Milchpraxis: Welche Art von Zitzengummis empfehlen Sie und worauf ist zu achten?

Krömker: Ausschlaggebend sind in erster Linie die Passform und der rechtzeitige Wechsel. Um die Passform richtig zu beurteilen, sind folgende Kriterien heranzuziehen: die Melkgeschwindigkeit, die Zitzenkondition und der Ausmelkgrad. Für diese Kriterien gibt es entsprechende Kennzahlen. Ein Wechsel sollte entsprechend der Herstellervorgaben erfolgen.

Milchpraxis: Worauf sollten Landwirte bei Dippmitteln besonders achten?

Krömker: Dippmittel sollten im besten Fall mit einer Zulassung als Tierarzneimittel versehen oder zumindest in einem definierten Versuch im Feld geprüft worden sein (NMC online). Die Laborprüfung gibt Hinweise, ist aber für eine praxisnahe Bewertung allein nicht ausreichend.

Milchpraxis: Viele Arbeiten auf einem Milchviehbetrieb lassen sich inzwischen automatisieren – eine aktuelle Entwicklung ist das automatische Dippen. Wie beurteilen Sie das?

Krömker: Bislang gibt es nur wenige Betriebe, in denen automatisch erfolgreich nachgedippt wird. Ein exzessiver Dippmittelverbrauch, geringe Treffsicherheit, ungenügende Robustheit oder ungeklärte Rückstandsfragen stehen der Installation automatischer Techniken aktuell noch im Wege.