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Neuer Parameter für die Eutergesundheit

Eine neue Herangehensweise auf dem Gebiet der Eutergesundheit ist die Nutzung der Zelldifferenzierung. Dadurch lassen sich auch bei sehr niedrigen Zellzahlen Störungen in der Eutergesundheit aufdecken.

Wir haben mit Daniel Schwarz vom Unternehmen FOSS über den neuen Eutergesundheitswert DSCC gesprochen.


Milchpraxis: Herr Schwarz, Sie arbeiten auf dem Gebiet der Zelldifferenzierung. Was bedeutet der Begriff?

Daniel Schwarz: Die Zellen in der Milch bestehen aus verschiedenen Zelltypen. In der Milch eines gesunden Euters finden sich überwiegend sogenannte Makrophagen. Das sind „Aufpasserzellen“, die eindringende Euterpathogene registrieren und daraufhin die Immunantwort einleiten. Liegt eine Mastitis vor, bestehen die Zellen in der Milch hauptsächlich aus Granulozyten. Dies sind „Fresserzellen“, die Euterpathogene unschädlich machen und sie beseitigen. Mit der Zelldifferenzierung können wir also die verschiedenen, in der Milch vorkommenden Zellen unterscheiden.

Milchpraxis: Dazu gibt es seit kurzem den DSCC-Parameter. Erklären Sie uns bitte, was es damit auf sich hat.

Daniel Schwarz: DSCC steht für Differential Somatic Cell Count, also übersetzt differenzierte Zellzahl. Hohe DSCC-Ergebnisse repräsentieren hohe Anteile von Granulozyten, niedrige DSCC-Werte hohe Anteile von Makrophagen. Folglich deuten hohe DSCC-Werte, so wie auch hohe Zellzahlergebnisse, auf das Vorliegen von Eutergesundheitsstörungen hin. Interessanterweise kann man allerdings bereits im niedrigen Zellzahlbereich (z. B. bei unauffälligen Zellzahlen von 50.000 bis 200.000 Zellen/ml), anhand des DSCC-Parameters sehen, dass Eutergesundheitsstörungen vorliegen. In wissenschaftlichen Studien konnten wir sehen, dass diese Störungen im niedrigen Zellzahlbereich durch Mastitiserreger, wie z. B. Staphyloccocus aureus, hervorgerufen werden.

Wir haben auch herausgefunden, dass ein DSCC-Wert von 65 % am besten geeignet ist, um zwischen normal und „auffällig“ zu unterscheiden.

Milchpraxis: Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus für Milchviehbetriebe?

Daniel Schwarz: Betriebe können die Eutergesundheit ihrer Herde so noch exakter bestimmen. Dafür betrachten wir die DSCC-Ergebnisse gemeinsam mit der Zellzahl. Hierzu wurden vier Eutergesundheitsgruppen definiert:

  • Gruppe A, gesund/normal: niedrige Zellzahl (≤ 200.000 Zellen/ml), niedrige DSCC-Werte (≤ 65%)
  • Gruppe B, verdächtig/frühes Mastitisstadium: niedrige Zellzahl (≤ 200.000 Zellen/ml), hohe DSCC-Werte (> 65%)
  • Gruppe C, Mastitis: hohe Zellzahl (> 200.000 Zellen/ml), hohe DSCC-Werte (> 65%)
  • Gruppe D, chronische Mastitis: hohe Zellzahl (> 200.000 Zellen/ml), niedrige DSCC-Werte (≤ 65%)

Kühe in Gruppe A zeigen weder aufgrund der Zellzahl noch aufgrund der DSCC-Werte Anzeichen für Eutergesundheitsstörungen. In Gruppe B liegen trotz niedriger Zellzahl aufgrund der erhöhten DSCC-Ergebnisse Anzeichen für beginnende Störungen vor. Gruppe C hat Eutergesundheitsstörungen und aufgrund der aktiven Immunantwort bestehen eventuell gute Heilungsaussichten. Bei Kühen in Gruppe D kann oft von chronischen Eutergesundheitsstörungen mit eher geringen Heilungsaussichten ausgegangen werden.

Milchpraxis: Wie gelangt ein Betrieb an den DSCC-Wert? Wird er standardmäßig in der MLP aufgeführt?

Daniel Schwarz: Der DSCC-Parameter kann standardmäßig in MLP-Proben ermittelt werden – solange das Milchuntersuchungslabor über die neue Technologie dafür verfügt. Viele Labore in Deutschland sind bereits damit ausgestattet. Das vit Verden hat ein Onlinetool zur Darstellung und Auswertung der DSCC-Ergebnisse (in Kombination mit der Zellzahl). Landwirte sollten ihre zuständigen LKV-Mitarbeiter dazu befragen.

Milchpraxis: Was bringt die Nutzung des DSCC-Wertes in der Praxis?

Daniel Schwarz: Wir haben im Rahmen der Pilotphase eng mit elf Betrieben in Thüringen zusammengearbeitet. Die Betriebe hatten unterschiedliche Eutergesundheitssituationen. Heraus kam, dass das Liegeboxenmanagement sowie die Melk- und Fütterungshygiene die Haupteinflussfaktoren sind. Saubere, trockene Liegeboxen und regelmäßiger (zweimal täglich) Einsatz von Desinfektionskalk konnte mit hohen Anteilen von Kühen in Eutergesundheitsgruppe A und zeitgleich hohen Milchleistungen in Verbindung gebracht werden. Der Infektionsdruck in solchen Liegeboxen ist sehr niedrig und die Wahrscheinlichkeit, dass Mastitiserreger während der Liegephasen in die Zitzen eindringen können, ist somit gering.

Die Anteile der Kühe in Gruppe B waren bei Problemen mit der Fütterungshygiene (z. B. Nacherwärmung, nasse Silage) erhöht, da dies zu einer Belastung des Immunsystems führt und sich Mastitiserreger so einfacher im Euter etablieren können. Bei der Melkhygiene zeigte sich, dass beim Vorliegen aller folgenden Punkte die besten Ergebnisse für die Eutergesundheit (also hohe Anteile an Kühen in Gruppe A) erzielt wurden: Saubere Euter, saubere Melkzeuge, ein Tuch pro Kuh zum Säubern, Vormelken in einen Becher, Melkzeugzwischendesinfektion und Nachdippen.

Milchpraxis: Welche Rückmeldung erhalten Sie von Betrieben, die bereits Erfahrungen gesammelt haben?

Daniel Schwarz: Unsere Pilotbetriebe haben den neuen Bericht vielseitig genutzt. Dirk Benkstein von der Agrarproduktion „Goldene Aue“ GmbH in Görsbach konnte nach der Optimierung des Liegeboxenmanagements direkt positive Effekte feststellen. Er nutzt den Bericht auch zur besseren Überwachung und Kontrolle einzelner Kühe.

Alf Jungermann vom Landgut Hünstein nutzt den neuen Bericht, um die Eutergesundheit der Herde besser zu überwachen. Insbesondere Kühe in Gruppe B sind für ihn interessant, da sich hier Infektionen bereits sehr früh erkennen lassen.

Markus Trost von der Agrargenossenschaft Diedorf/Eichsfeld eG hat eine in der Eutergesundheit generell unauffällige Herde, aber in den Sommermonaten war die Futterhygiene nicht optimal, was sich direkt anhand von erhöhten Anteilen an Kühen in Gruppe B bemerkbar gemacht hat. Einige dieser Kühe hatten im Folgemonat erhöhte Zellzahlen. Somit hat er den neuen Bericht als Frühwarnsystem genutzt.

Katharina Burreh und Eline De Smet von der Agrargesellschaft Günterode mbH & Co.KG vergleichen sich dadurch mit anderen Betrieben. Das hilft ihnen, zu verstehen, wo sie selbst stehen und sie nutzen die Werte auch betriebsintern zur Diskussion und Motivation mit ihren Mitarbeitern und Vorgesetzten.

Milchpraxis: Wie wird der DSCC-Wert überhaupt ermittelt?

Daniel Schwarz: Zur Bestimmung der Gesamtzellzahl wird die DNA der Zellen angefärbt, so dass das Messinstrument die Zellen dann erkennen kann und die Anzahl an Zellen pro ml Milch ermitteln kann. Die Anfärbung der Zellen wurde so optimiert, dass neben der DNA auch andere Bestandteile der Zellen gefärbt werden. Dies ermöglicht es, Makrophagen und Granulozyten zu unterscheiden und somit den DSCC-Wert zu ermitteln.

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