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Geburtsüberwachung im Schichtsystem

Die Geburtsüberwachung und -hilfe ist in jedem Milchviehbetrieb ein sensibles und schwer planbares Tätigkeitsfeld, da Kälber rund um die Uhr geboren werden. Umso wichtiger ist es, die Übergabe zwischen den verschiedenen Mitarbeitenden einfach, klar und eindeutig nachvollziehbar zu gestalten. Denn es soll weder zu früh unnötige Geburtshilfe geleistet werden, noch darf der richtige Untersuchungszeitpunkt und bei Notwendigkeit das rechtzeitige, saubere und geschulte Eingreifen verpasst werden. Beides gefährdet die Gesundheit oder gar das Leben von Kalb und Kuh.  


Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 1/2022 der Milchpraxis.


In großen Milchviehbetrieben arbeiten viele Mitarbeitende im Schichtsystem mit den Tieren. Viele Tätigkeiten, wie z. B. die Kontrolle der frischabgekalbten Kühe, sind bestimmten Schichten zugeordnet und können meist durch die gleichen Mitarbeitenden im vorgegebenen Zeitraum durchgeführt, dokumentiert und beendet werden. Anders sieht es aber im Reproduktionsstall im Abkalbebereich aus. Die Geburt eines Kalbes kann in der Schicht eines Mitarbeiters beginnen, das Kalb wird aber mitunter erst im Tätigkeitszeitraum der nächsten Mitarbeiterin geboren. Hinzu kommt, dass selten ein Mitarbeitender ausschließlich für die Geburtsüberwachung zuständig ist, sondern meist geht er einer anderen Haupttätigkeit nach und die Geburtsüberwachung ist „nebenbei“ vorgesehen. Die Gefahr besteht, dass dabei für Kuh und Kalb wertvolle Zeit verloren geht bis erkannt wird, dass ein Geburtsverlauf gestört ist und das Benachrichtigen eines Vorgesetzten oder ein eigenes Eingreifen erforderlich ist. Muss in schweren Fällen auch noch die Tierarztpraxis gerufen werden, hängt das Leben des Kalbes dann schon am seidenen Faden. Spätestens wenn im Verlauf von wenigen Wochen zu viele Kälber lebensschwach oder tot geboren werden, ist es notwendig, organisatorisch eine einfache Maßnahme einzuführen, um die Geburtsüberwachung und die Absprache bei Schicht- oder Personenwechsel sicherzustellen und somit ein rechtzeitiges professionelles Eingreifen zu ermöglichen.

Auch mittelgroße und kleinere Betriebe können von einer wie im Folgenden dargestellten einfachen Geburtsüberwachung profitieren, um die einzelnen Phasen und das störungsfreie Voranschreiten des Geburtsverlaufs objektiv zu kontrollieren. Generell gilt, dass im Reproduktionsstall Stress, Hektik, Krach, laute Stimmen und ein Umtreiben während der Geburt auf ein Minimum zu reduzieren sind, denn Stresshormone stören und unterbrechen den Geburtsvorgang.

Eine einfach gestaltete „Arbeitsübergabe“

In der Hektik des Alltags auf einem Milchviehbetrieb kommt es vor, dass für die Tiergesundheit wichtige Informationen nicht rechtzeitig oder auch gar nicht kommuniziert werden. Zudem gibt es in jedem Team immer manche eher „maulfaule“ Mitarbeitende und mitunter hemmen auch Sprachbarrieren oder fehlende Sympathien ein gut abgestimmtes Miteinander in den Arbeitsabläufen. Wichtig ist daher, ein leicht zu erfassendes, übersichtliches „Tool“ zu etablieren, mit dem alle Mitarbeitenden klar ersichtlich, einfach und schnell die entscheidenden Informationen so festhalten, dass der folgende Mitarbeitende ohne viele Worte die Situation bei Schichtübernahme erfassen und direkt losarbeiten kann.

Ruhe bewahren! Es ist nicht angezeigt, das Kalb bereits bei Sichtbarwerden der Klauen herauszuziehen, da es in Vorderendlage über die Nabelschnur mit Sauerstoff versorgt ist, bis die Schultern des Kalbes durch den Geburtsweg getreten sind.

Es hat sich in der Praxis bewährt, im Reproduktionsstall an einem Ort, an dem zwangsläufig jeder vorbeiläuft (z. B. die Tür zum Bereich mit den Waschbecken und Wasseranschlüssen), eine große laminierte Geburtsverlaufsübersicht aufzuhängen. Alternativ können eine abwaschbare Tafel oder ein Whiteboard genutzt werden. Dann ist jedoch eine rückblickende Auswertung darüber, welche Kuh wann wie gekalbt hat oder bei wie viel Kühen Geburtshilfe notwendig war, nicht mehr möglich. Häufig sind es in Großbetrieben die Treiber einer Melkschicht oder die Kälberfrauen, die in regelmäßigen Abständen die Geburten zu beobachten haben. Je nach Qualifikation sind sie angehalten, im Bedarfsfall erfahrene Herdenmanager zu benachrichtigen oder selbst einzugreifen – immer unter unbedingter Beachtung einer sehr guten Geburtshygiene! Der oder die für die Geburtsüberwachung zuständige Mitarbeitende trägt in die Geburtsverlaufsübersicht das Datum, die Kuhnummer, die Nummer der Abkalbebox und im Folgenden die Uhrzeit des beobachteten Stadiums des Geburtsverlaufes ein. Beim nächsten Rundgang kann nach dem Blick auf die Übersicht das Voranschreiten des Geburtsvorganges der eingetragenen Kuh gezielt beobachtet werden und weitere Kühe mit Geburtsanzeichen eingetragen werden. Sinnvoll ist es, mit Abkürzungen wie F und K Färsen oder Kühe zu kennzeichnen, um die Dauer richtig einschätzen zu können, da bei Erstkalbenden bekanntlich die Geburt deutlich länger braucht als bei Kühen, die schon mehrere Kälber geboren haben.

Ist das Kalb geboren, wird zuerst seine Vitalität überprüft, danach wird die Kuh nachuntersucht und versorgt.

Mit Mitarbeiterschulung zu mehr lebensfrohen Kälbern

Für den Erfolg einer solchen Maßnahme ist es entscheidend, mit allen Mitarbeitenden im Reproduktionsbereich die neu einzuführende Maßnahme zu besprechen. Hier eignen sich insbesondere Mitarbeiterschulungen durch die betreuende Tierarztpraxis. Zum einen können so die Mitarbeitenden professionell geschult werden, zum anderen hat es sich gezeigt, dass Mitarbeitende gegenüber Externen weniger Hemmungen haben, Fragen zu stellen ohne zu fürchten, gegebenenfalls einen schlechten Eindruck beim Vorgesetzten zu hinterlassen. Zudem kann es auf diese Weise in der Gruppe auch zu positiven Effekten für die Arbeitsabläufe im Team kommen, wenn Raum und Zeit für Detailfragen und Diskussionen gegeben werden. Bei einer solchen Mitarbeiterschulung geht es nicht darum, die Korrektur von komplizierten Fehlstellungen des Kalbes zu vermitteln, sondern zunächst gemeinsam die Grundlagen eines ungestörten Geburtsablaufes mit den äußerlich sichtbaren Zeichen zu wiederholen und somit den Blick der Mitarbeitenden zu schärfen.

Die Geburtsverlaufsübersicht zeigt auf einen Blick, wann welche Kuh in welchem Stadium der Geburt beobachtet wurde. Schreitet die Geburt nicht komplikationslos voran, muss eingegriffen werden. Eine Spalte für den Zeitpunkt des Abgangs der Nachgeburt kann ergänzt werden.

Die Phasen des Geburtsverlaufs
1. Vorbereitungsphase (ca. zwei Wochen):
Die ersten äußerlichen Anzeichen einer demnächst bevorstehenden Kalbung sind das Aufeutern, eingefallene Beckenbänder, ggf. ein Euterödem, glänzende Zitzen, tropfende Milch sowie eine rote, geschwollene Scham mit einer zähen Schleimspur.
Die Geburt kann dann in wenigen Stunden oder in mehreren Tagen beginnen.
2. Öffnungsphase (6 – 16 h):
Die ersten Wehen setzen ein, die Kuh kann unruhig werden, mit den Beinen tippeln, den Schwanz abhalten, der austretende Schleim kann leicht blutig werden. Jetzt öffnet sich der innere Muttermund und die Fruchtblasen drücken den Gebärmutterhals auf. Wichtig: jetzt sichtbare Fruchtblasen keinesfalls aufreißen, denn die Funktion dieses vorgeschobenen „Wasserballons“ ist es, schonend das Gewebe zu dehnen und die Geburtswege zu öffnen um verletzungsfrei den Durchtritt der knöchernen Strukturen des Kalbes zu ermöglichen. Die drei häufigsten Fehler in der Geburtshilfe sind: zu früh, zu schmutzig und zu grob.
Diese Phase kann sechs bis 16 Stunden dauern. Die Gebärende sollte jetzt möglichst wenig gestört werden.
3. Aufweitungsphase (1 – 6 h):
In dieser Phase platzt die Fruchtblase, die Kuh legt sich in der Regel hin und die Beine erscheinen in der Scham. Vom Blasensprung bis zum Durchtreten des Kopfes können bei Kühen ein bis drei Stunden und bei Färsen vier bis sechs Stunden vergehen. Insbesondere Erstgebärende sollten jetzt intensiv beobachtet werden. Wenn die Geburt zusehends voranschreitet, muss nicht eingegriffen werden.
4. Austreibungsphase (3 – 15 min):
Wenn der Kopf des Kalbes in der Scham sichtbar wird, dauert es normalerweise wenige Minuten, bis das Kalb geboren ist. Im Liegen haben die Wehen die beste Wirkung, da die Bauchpresse so das Kalb mit der größten Wirkung austreibt.
5. Nachgeburtsphase (6 – 12 h):
Mit den Nachwehen werden das restliche Fruchtwasser und die Eihäute (Nachgeburt) ausgetrieben. Von einer Nachgeburtsverhaltung spricht man, wenn die Nachgeburt zwölf Stunden nach der Geburt noch hängt.

Wann muss gehandelt werden?

Nach der Wiederholung der Grundlagen bei der Mitarbeiterschulung empfiehlt es sich, über die zu ergreifenden Maßnahmen im Falle einer Geburtskomplikation zu sprechen. Wird also nach dem Blick auf die Geburtsverlaufstabelle und die Uhr festgestellt, dass die Geburt nicht voran geht, ist eine Untersuchung der Geburtswege angezeigt. Das gleiche gilt, wenn nur eine Klaue oder nur der Kopf sichtbar ist oder die Kuh eine ungewöhnliche Unruhe und Schmerzen zeigt. Jetzt ist es entscheidend, nicht „mal eben schnell draufzulangen“, sondern maximale Hygiene walten zu lassen! Ein sauberer Geburtskittel/-schürze, Einmalhandschuhe, Wasser und Seife zum Reinigen der Scham und Gleitgel sollten immer im Abkalbestall verfügbar sein, um ein unnötiges Einbringen von Dreck und Keimen in den bis dahin sauberen Geburtskanal zu verhindern. Zudem wird so auch das Übertragen von Keimen aus dem Reproduktionsstall in andere Stallbereiche verhindert. Das erste Überprüfen von Lage, Stellung und Haltung des Kalbes kann auch im Liegen der Kuh erfolgen. Zur Korrektur von Lage-, Stellungs- und Haltungsanomalien des Kalbes muss die Kuh aufgetrieben werden. Sind Lehrlinge oder in Geburtshilfe unerfahrene Mitarbeiter mit der Geburtsüberwachung beauftragt, müssen diese jetzt eine erfahrene Kollegin, Herdenmanager oder Betriebsleiter rufen. Es ist wichtig, seine eigenen Grenzen zu kennen. Wenn es nicht gelingt, eine anormale Stellung oder Haltung des Kalbes innerhalb von 15 Minuten zu korrigieren und den Auszugsversuch erfolgreich abzuschließen (weil z. B. das Kalb in Relation zum Muttertier zu groß ist), wenn Blutungen auftreten oder stinkender Ausfluss auf eine Totgeburt schließen lässt oder der Verdacht einer Gebärmutterverdrehung besteht, dann ist der Anruf in der Tierarztpraxis unausweichlich. Das sachkundige Aufdrehen der Gebärmutter, das Korrigieren von fehlerhafter Stellung und Haltung des Kalbes oder gegebenenfalls ein rechtzeitig durchgeführter Kaiserschnitt durch die Hoftierärztin oder den Hoftierarzt kann die Gesundheit und das Leben von Muttertier und Kalb retten.

Ein an einer Schnur an der Übersicht befestigter Folienstift stellt die Eintragung der Beobachtungen in die Übersichtstabelle in unmittelbarer Nähe zur Abkalbebox sicher. Fotos: Zaspel
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