Mehr zur Verfügung stehende Daten und ein enormer Wissenszuwachs im Bereich der Milchviehfütterung hat die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) zum Anlass genommen, die „Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Milchkühen“ grundlegend zu überarbeiten. Neu entwickelte Konzepte zur Energie- und Proteinversorgung sind das Ergebnis.
In Zukunft wird die Umsetzbare Energie (ME) der neue und einheitliche Energiemaßstab für die Bedarfsableitung und Futterbewertung für alle Wiederkäuer sein – damit auch für die Milchkuh. Neu ist das dreistufige Verfahren in der Futtermittelbewertung zur Schätzung der ME-Konzentration. Neu ist außerdem, dass bei der Rationsplanung das Futteraufnahmeniveau (FAN) die Höhe der für das Tier verfügbaren Energie beeinflusst. Denn mit zunehmender Futteraufnahme steigt die Passagerate: die Energieverluste über Kot steigen, die Methan-Energieverluste hingegen sinken zunächst. Auch für den Energiebedarf der Milchkuh gelten neue Werte. Bezüglich des Energiebedarfes haben Auswertungen zahlreicher Untersuchungen ergeben, dass sowohl der Erhaltungsbedarf von laktierenden Milchkühen als auch die Verwertung der ME für die Milchbildung bisher unterschätzt wurden. Insgesamt wird der Energiebedarf für die Milchbildung geringer eingeschätzt. Vorteil des neuen Systems ist eine klare Trennung der Futtermittelbewertung, also dem Energielieferungsvermögen der Futtermittel und der Energiebedarfsermittlung der Tiere.

Änderungen beim Energiebedarf
Es wurden neue Zielgrößen des Energiebedarfs hergeleitet. Dieser setzt sich zusammen aus dem ME-Bedarf für Erhaltung, Milchleistung, Körpermasseänderung, Trächtigkeit und körperliche Bewegung. In den Versorgungsempfehlungen der GfE (2023) wird die Ableitung der Teil-bedarfe ausführlich beschrieben.
Energiebedarf für Erhaltung
Unter Erhaltung werden alle von der Leistung nicht abhängigen Teilgrößen zusammengefasst. Neben dem Grundumsatz zählen dazu etwa die grundlegende Kau- und Verdauungsarbeit sowie eine normale Bewegungsaktivität der Tiere in Stallhaltung bei thermoneutralen Bedingungen.
Der Energiebedarf für die Erhaltung hängt von der metabolischen Körpergröße ab (kg0,75):
Laktierende (MJ ME/Tag) = 0,64 MJ ME ∙ kg0,75
Trockensteher (MJ ME/Tag) = 0,50 MJ ME ∙ kg0,75
Die Abbildung zeigt auf der linken Seite den Erhaltungsbedarf einer laktierenden Milchkuh mit 650 kg Körpermasse und auf der rechten Seite den einer laktierenden Milchkuh mit 750 kg Körpermasse (jeweils die horizontalen Geraden). Die Abbildung macht deutlich, dass der Wert im Vergleich zu den alten Empfehlungen (GfE 2001) jeweils höher liegt.

Energiebedarf für Milchleistung
Für die Berechnung des Energiebedarfs pro kg Milch wird neben den drei Milchinhaltsstoffen Fett, Eiweiß und Laktose (jeweils in %) der Verwertungsfaktor der ME für Milchbildung benötigt – dieser beträgt 0,66.
Energiebedarf pro kg Milch (MJ ME/kg) = (0,385 ∙ Fett % + 0,242 ∙ Eiweiß % + 0,165 ∙ Laktose %) ÷ 0,66
Pro kg energiekorrigierter Milchleistung (ECM mit 4 % Fett, 3,4 % Eiweiß und 4,8 % Laktose) ergibt sich so ein ME-Bedarf von 4,8 MJ ME. Sofern keine Information zur Laktosekonzentration vorliegt, kann mit dem Standardwert 4,8 % gerechnet werden.
Im Gesamten zeichnet sich in der obigen Abbildung ab, dass die Summe aus Bedarf für Erhaltung und Milchleistung bei schwereren Rassen im Bereich von 30 bis 35 kg Milch, bei leichteren Rassen von 25 bis 30 kg Milch nach den neuen und alten Empfehlungen etwa gleich hoch ist. In diesem Bereich kompensieren sich die gegenläufigen Effekte des Erhaltungs- und Milchleistungsbedarfs. Vereinfachend wurde in der Abbildung nur die erforderliche ME-Aufnahme eingezeichnet. Damit ist der Effekt des FAN auf die tatsächliche ME-Aufnahme bei einer bestimmten Ration nach GfE (2023) in der Abbildung nicht berücksichtigt, wird aber in einem späteren Abschnitt beschrieben.
Energiebedarf für Körpermasseänderung, Trächtigkeit und Bewegung
Für das Wachstum von Tieren in der 1. Laktation sind 30 MJ ME/kg Körpermasseansatz als Energiebedarf anzusetzen, in höheren Laktationen 38 MJ ME/kg Körpermasseansatz. Zu Laktationsbeginn reicht die ME-Aufnahme nicht für die Energiebedarfsdeckung aus, dies hat zur Folge, dass Körpersubstanz eingeschmolzen wird. Die Mobilisation von 1 kg Körpersubstanz gleicht in der 1. Laktation ein Defizit von 25 MJ ME, in höheren Laktationen von 31 MJ ME aus.
Der Energiebedarf für Trächtigkeit der Früh-Trockensteher (sechs bis vier Wochen vor der Kalbung) liegt bei 24 MJ ME/Tag und nimmt bei Vorbereiter-Kühen zu (33 MJ ME/Tag, drei Wochen vor bis zur Kalbung).
Aufgrund der erhöhten körperlichen Bewegung beim Weidegang kann für diese Tiere pauschal ein um 10 % höherer Erhaltungsbedarf angenommen werden. Eine individuellere Ableitung des Mehrbedarfs, unter Berücksichtigung der betrieblichen Gegebenheiten, ermöglicht der Abschnitt zum Energiebedarf für körperliche Bewegung in der GfE (2023).

Futtermittelbewertung: das dreistufige System
Nur die verdauliche organische Masse (DOM) im Futter liefert Energie. Die Verdaulichkeit der Energie (ED) unterscheidet sich durch eine konstante Differenz von der Verdaulichkeit der Organischen Masse (OMD):
OMD (%) : ED (%) = OMD (%) – 3,3
Um die Menge an verdaulicher Energie zu berechnen, wird die ED mit der Bruttoenergie (= Brennwert) multipliziert.
Die OMD kann im Labor beispielsweise mit dem Hohenheimer Futterwerttest bestimmt werden.
Die Harnenergieverluste werden von der Rohproteinkonzentration (CP) abgeleitet:
UE (MJ/kg OM) = 0,0037 ∙ CP (g/kg OM)
In der Gleichung werden die Konzentrationen je kg Organischer Masse (OM) benötigt bzw. berechnet. Für die Umrechnung der Konzentrationen in der Trockenmasse (TM) oder OM ist die Analyse der Rohaschekonzentration notwendig. Die Methanenergieverluste hingegen werden von der OMD beeinflusst:
CH4-E (MJ/kg OM) = 0,7 + 0,014 OMD (%)
Die OMD der Einzelfuttermittel ist für die Energiebewertung der Ration die zentrale Größe. Dieser Wert wird für das FAN 1 (Erhaltungsniveau) vom Labor (in Tabellen, auf Deklarationen, in Laborattesten) ausgewiesen und muss bei der Rationskalkulation an das tatsächliche FAN in Abhängigkeit von der Trockenmasseaufnahme angepasst werden. Das gilt auch für die ME-Konzentration der Einzelfuttermittel.
Bisher unbeachtet: Futteraufnahmeniveau (FAN)
Bisher unbeachtet bei der Energiebewertung war das FAN. Mit höherer Futteraufnahme steigt die Passagerate und die Verdaulichkeit sinkt. Auch die Methanabgabe reduziert sich mit einer höheren Futteraufnahme. Dieser Fakt wird künftig bei der Rationskalkulation zur Bedarfsdeckung durch Einbeziehung des jeweiligen FAN berücksichtigt. Das tatsächlich realisierte Futteraufnahmeniveau (FAN) entspricht dabei dem Verhältnis von realisiertem FAN zum FAN 1 (Erhaltungsniveau, 50 g Trockenmasse / kg metabolische Körpergröße). Folglich sinkt bei höheren Trockenmasseaufnahmen die ME-Konzentration (siehe Tabelle).

Berechnung der Rationen und Ausblick
Aktuell werden die Fütterungsprogramme zur Umsetzung der genannten Änderungen angepasst und in einem späteren Beitrag dieser Milchpraxis-Serie näher erläutert. Damit die Programme den Energielieferungsbeitrag eines Futtermittels in einer Ration beim realisierten FAN berechnen können, werden neben den gängigen Angaben zur Trockenmasse-, Rohasche- und Rohproteinkonzentration zusätzlich die Angabe Bruttoenergiegehalt (= Brennwert) und die Angabe OMD bei FAN 1 benötigt. Diese Informationen werden in Tabellen, auf den Deklarationen und den Laborattesten zu finden sein. Nach Wichtung der Anteile der jeweiligen Einzelfuttermittel in der Ration erhält man dann die ME-Konzentration der Ration.
Vergleichende Kalkulationen der ME-Konzentration von Futtermitteln nach GfE (2001) und GfE (2023) zeigen für viele Futtermittel sehr ähnliche Werte. Jedoch werden mit dem neuem Energiebewertungssystem Grobfutter, insbesondere frische oder konservierte Grünlandaufwüchse mit einer hohen Verdaulichkeit, im neuen System energetisch relativ höher bewertet. Das hat eine direkte Auswirkung auf den berechneten Konzentratfutter-Ergänzungsbedarf und erleichtert damit die erforderliche Strukturversorgung bei sehr hoher Leistung. Die ME von zuckerreichen Konzentraten wird hingegen tendenziell geringer eingeschätzt. Getreide, Ölfrüchte und deren Nachprodukte sowie Körnerleguminosen werden nicht unterschiedlich bewertet. Unabhängig von der neuen Energiebewertung ist es nach wie vor wichtig, bestes Grobfutter zu erzeugen und somit eine Einsparung von Konzentratfutter in der Ration zu ermöglichen.
Fazit
Die energetische Futterbewertung nach dem dreistufigen Verfahren ist transparent und einfach. Eine entscheidende Größe stellt die OMD dar. Diese kann aus den Futterwerttabellen entnommen oder im Labor zuverlässig bestimmt werden. Zukünftig entfällt die Umrechnung von ME auf NEL. Die Berücksichtigung der Futteraufnahmehöhe in der Futterration ist nach dem dreistufigen Verfahren jedoch komplexer.
Die aktualisierten Futterwerttabellen für Wiederkäuer und der Leitfaden zur Energiebewertung (Merkblatt Nr. 503) werden als Fachinformationen auf der Internetseite der DLG bereitgestellt.
Dieser Beitrag stammt aus Milchpraxis Ausgabe 3/2025. Das Fachmagazin hat in mehr als zehn Artikeln die einzelnen Aspekte der neuen Versorgungsempfehlungen aufgegriffen. Bis zur EuroTier 2026 im November werden wir Ihnen diese Artikel als regelmäßige Serie online zur Verfügung stellen. Teil 1 und Teil 2 sind schon zu lesen.
Text: Elisabeth Gerster, Landwirtschaftliches Zentrum Baden-Württemberg
Weitere Beteiligte: Antje Priepke, Sarah Rehberg, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern, Marleen Zschiesche, Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt, Andreas Susenbeth, Universität Kiel, Institut für Tierernährung und Stoffwechselphysiologie






























