Hofgut Neumühle teilt Erfahrungsbericht zu Virus-Ausbruch

Bei den Rindern der Lehr- und Versuchseinrichtung für Tierhaltung in Rheinland-Pfalz wurde das neue Shamonda-like-Virus bzw. Orthobunyavirus bereits nachgewiesen. In den letzten Wochen kam es während der Hitzeperioden zu massivem Infektionsgeschehen in der Herde. Ein strategisches Vorgehen in mehreren Stufen wurde notwendig, um die Tiere behandeln zu können. Das Team des Hofguts, Dr. Theresa Scheu, Dr. Johanna Ahmann, Dr. Jason Hayer, hat die Erfahrungen der letzten Wochen in einem umfassenden Bericht (Stand: 11. August 2026) aufbereitet und veröffentlicht. Dieser Praxisbericht soll einerseits die messbaren Auswirkungen des Infektionsgeschehens durch das bislang in Westdeutschland erstmalig aufgetretene Orthobunyavirus beschreiben und andererseits erste Handlungsoptionen aufzeigen – auch für andere aktuelle fieberhafte Allgemeinerkrankungen in Rinderherden.

Von ersten Auffälligkeiten ab Mitte Juli bis zur Diagnose

Auf der Lehr- und Versuchseinrichtung für Tierhaltung Hofgut Neumühle wurden typische Symptome vermehrt ab Mitte Juli beobachtet. Zunächst wurde angenommen, dass die anhaltende Hitzeperiode die Ursache für die beobachteten Auffälligkeiten war. Als jedoch ab dem 25./26. Juli 2026 die Zahlen der Alarmmeldungen der eingesetzten Sensorsystem rapide zunahmen, wurde ein systematischen Vorgehen notwendig, um die Situation zu bewerten und den Überblick zu bewahren.

Am 28. Juli 2026 wurden von sechs Tieren Blutproben entnommen, bei denen in allen Fällen ein positiver Nachweis des Orthobunyavirus erbracht wurde. Hervorzuheben ist, dass daraus nicht geschlossen werden kann, dass alle im Folgenden dargestellten Tiere mit dem Orthobunyavirus infiziert waren.

Klinische Beobachtungen

Vor den ersten visuellen Symptomen zeigten z.B. die auf dem Hofgut Neumühle eingesetzten Pansenboli sprunghaft einen vermehrten Anteil an Kühen mit hohen Körpertemperaturen – teilweise über 41 °C. Diese Fieberphase dauerte in Mittel zwischen ein bis drei Tage. Der Bericht stellt dar, wie sich die Tiere teilweise erholten, während bei einem wesentlichen Teil der Herde – ca. 7–10 % der laktierenden Tiere – die Wiederkauaktivität und die Milchleistung abnahm. In der Auswertung ist ein Rückgang der Herdenleistung bei zunehmendem Infektionsgeschehen deutlich zu erkennen, siehe Abbildung. Häufig wurde vom Sensorsystem ein Verdacht auf eine Mastitis gemeldet.

Klinisch herausstechend aus den beschriebenen Gruppen waren insbesondere Tiere mit einem starken Rückgang der Milchleistung. Prägend war eine verminderte Futteraufnahme sowie Verhaltensmuster, die zunächst eine Fremdkörpererkrankung vermuten ließ. Die Tiere zeigten einen aufgezogenen Bauch mit Schmerzhaftigkeit im vorderen Bereich, eine gespannte Bauchdecke sowie eine mäßig bis schlechte Pansenfüllung mit unterschiedlich stark ausgeprägter Blähung. Der Kot der betroffenen Tiere war dünnbreiig bis suppig und wurde im Strahl abgesetzt. Die rektal gemessenen Körpertemperaturen lagen vielfach über 40 °C.

Zusätzlich ist hervorzuheben, dass bei diesem Virus – neben den beschriebenen Symptomen der erwachsenen Tiere – auch Missbildungen, Aborte und Totgeburten bekannt sind.

Quelle: Hofgut Neumühle

Angewendetes strategisches Vorgehen

Aufgrund der enormen Menge an auflaufenden Meldungen der Sensorsyteme (in der Spitze über 50 Meldungen an auffälligen Tieren pro Tag) konnte das klassische Behandlungsschema nicht aufrechterhalten werden. Stattdessen wurde ein strategisches Vorgehen in Form einer Triage, also die systematische Einstufung nach Behandlungsdringlichkeit, eingeführt: In Anlehnung an Behandlungsmuster der Humanmedizin wurden die Tiere in drei Stufen eingeordnet. Details zur Einstufung der Rinder liefert das entwickelte Triage-Schema im Bericht (siehe Link unten).

Diese Einstufung findet seitdem mindestens einmal täglich bzw. bei Bedarf zweimal täglich statt. Zum Höhepunkt des bisherigen Infektionsgeschehens wurden bis zu 22 Tiere (ca. 15 % der Herde) pro Melkung zur Sichtung und Einstufung ausselektiert. Da sich bislang in der Milchviehherde der Neumühle kein einheitliches Krankheitsmuster und keine verlässliche Vorhersage über den Krankheitsverlauf ableiten lässt, wird die Triage täglich neu durchgeführt.

Kontinuierliches Monitoring der Herdengesundheit und Therapie

Auf der Basis einer vorläufigen Auswertung seien Tiere aller Altersgruppen und Laktationsstadien betroffen. Tendenziell scheinen sich jüngere Tiere im letzten Drittel der Laktation, schneller zu erholen. Die Krankheitsverläufe unterscheiden sich jedoch teilweise erheblich: ein Teil der Tiere erhole sich bereits nach ein- oder zweimaliger Gabe von wartezeitfreien kurz wirksamen Entzündungshemmern/ Schmerzmitteln. Andere Tiere weisen eine anhaltende verminderte Wiederkauaktivität auf, seien aber klinisch insofern stabil, dass sie Futter aufnehmen und von den Begleitsymptomen – im Wesentlichen dünnbreiiger Kot – genesen. In diesen Fällen scheine in der Regel der Einsatz länger wirksamer, wartezeitpflichtiger, Entzündungshemmer/Schmerzmittel erforderlich.

Eine weitere Tiergruppe zeige schwankende Wiederkauaktivitäten parallel zum Anstieg der Körpertemperatur. Eine Verbesserung des Zustands sei nach ca. einer Woche messbar. Allerdings musste auch festgestellt werden, dass sich der Genesungsprozess bei Begleiterkrankungen wie Lahmheiten oder Euterprobleme wesentlich verlängere und fortwährender Medikation bedarf.

Der Rückgang der Futteraufnahme als auch der Rückgang der Milchmenge der betroffenen Tiere spiegele sich auch auf Herdenebene wider, fasst der Praxisbericht weiter zusammen.

Flankierende Maßnahmen zur Stabilisierung ergreifen

Insbesondere in Phasen mit einem starken Anstieg des Krankheitsgeschehens sollten neben der Behandlung der akut erkrankten Tiere alle grundlegenden Maßnahmen zur Stabilisierung der Herdengesundheit konsequent umgesetzt werden. Das Team erläutert daher im Bericht nochmal Empfehlungen zur Fütterung und Bekämpfung der Gnitzen sowie Maßnahmen gegen Hitzestress.

Um möglichst früh Klarheit über das Geschehen im eigenen Bestand zu erhalten, sollten betroffene Betriebe gemeinsam mit ihrer Hoftierärztin oder ihrem Hoftierarzt zeitnah geeignete diagnostische Untersuchungen veranlassen.

Ausblick

Ein systematisches Vorgehen, die konsequente Umsetzung der etablierten Grundsätze guter fachlicher Praxis sowie der Erfahrungsaustausch mit anderen betroffenen Betrieben können dazu beitragen, auch in einer dynamischen Situation den Überblick zu behalten und fundierte Entscheidungen zu treffen. Die im Praxisbericht des Hofguts Neumühle beschriebenen Maßnahmen und Empfehlungen wollen nur ein erstes Lagebild und Einschätzung darstellen. Inwiefern das beschriebene Vorgehen erfolgreich ist, soll eine angeschlossene Analyse aufzeigen.

Den kompletten „Erfahrungsbericht fieberhafte Allgemeinerkrankungen im Zusammenhang mit dem Orthobunyavirus“ mit allen Abbildungen und dem Triage-Schema hier zum Download:

In Ausgabe 4/2026 der Milchpraxis finden Sie zudem ein Interview mit den drei Tierärzten.

Quelle: www.hofgut-neumuehle.de