Ein umfassendes Hygiene- und Biosicherheitskonzept in einem Milchviehbetrieb, das tagtäglich in die Praxis umgesetzt wird, ist in Deutschland eher selten anzutreffen. Für Matthias Franke, Leiter der Tierproduktion und Mitglied des Vorstands der Lindenberger Agrargenossenschaft eG, ist dieses Konzept allerdings der Schlüssel zu dem Erfolg der knapp 600-köpfigen Kuhherde. Grund genug für die Milchpraxis, um diesen Betrieb ihren Lesern vorzustellen.
Es beginnt schon beim Zutritt: Alle, die in die Betriebsstätten der Lindenberger Agrargenossenschaft eG eintreten möchten, erhalten nach der Begrüßung an der Hygieneschleuse stalleigene Overalls und Gummistiefel. Für Mitarbeiter und regelmäßig wiederkehrende Externe wie Tierarzt oder Rinderallianz steht eine Personalumkleide zur Verfügung. Wir kleiden uns im Vorraum um, wo neben Kleidung und Stiefeln ein Waschbecken mit Seife und Papiertüchern es dem Besucher einfach macht, den Betrieb sauber zu betreten.
Ursprünglich hatte Franke vor zwei Jahren Kontakt mit der Firma MS Schippers aufgenommen, da er in seiner Herde ein deutliches Mortellaro-Problem hatte. Beim Aufstocken von 200 auf knapp 600 Kühe in den letzten Jahren hatte der Betrieb sich durch Zukäufe diese Klauenerkrankung in den Stall geholt. 30 % der Herde waren vor zwei Jahren klinisch an Mortellaro erkrankt, zeigten deutliche Lahmheiten. Als Therapie hatte Franke Klauenverbände etabliert, die zwar erfolgreich waren, aber gleichzeitig viele Arbeitskräfte beanspruchten.

Klauenmatten statt Klauenbäder
Die Klauenbäder in Wannen setzte der Betriebsleiter zu diesem Zeitpunkt als Vorbeuge ein, und dies zeigte Erfolge. Ein hygienisch gutes Klauenbad bedarf aber viel Aufwand, das Durchtreiben der Tiere bedeutet Stress für sie. Also machte sich Franke auf die Suche nach einer Alternative und entschied sich für Klauenmatten, die die Kühe automatisch betreten müssen, wenn sie aus dem Melkroboter treten. Diese Klauenmatten sind Teil des Hy-Care-Konzeptes der Firma MS Schippers.
Seit ca. zwei Jahren sind nach jedem der neun Melkroboter nun Klauenmatten installiert, die regelmäßig mit einer Lösung gespült werden. Diese Lösung besteht aus zwei wichtigen Komponenten: Formalin als Desinfektionsmittel sowie einem Pflegemittel für das Klauenhorn. Die Beschickung der Klauenmatte mit dieser Lösung läuft vom Lagerraum ausgehend über ein Schlauchsystem, das Franke in dem Stall installiert hat. Jedes halbe Jahr werden die Klauenmatten erneuert. Mittlerweile hat die Herde fast gar kein Problem mehr mit Mortellaro und Franke war von diesem Erfolg so angetan, dass er die restlichen Komponenten des HyCare-Konzeptes ebenfalls für seine Herde buchte.
Ein Hygienekonzept für den Kuhstall
„Meine Kühe sind mir heilig“, so beschreibt Franke sein Verhältnis zu den Kühen und seine Motivation, ein umfängliches Hygienekonzept auf seinem Betrieb zu installieren. Das HyCare-Konzept der MS Schippers besteht aus mehreren Stufen. Möchte der Tierhalter eine Hygienestufe mit seinem Betrieb erfüllen, so ist er angehalten, alle Komponenten einer Stufe zu implementieren. Die Kosten werden dabei monatlich pro Kuh erhoben, sämtliche Materialien und Verbrauchsgüter sind dementsprechend in der Berechnung enthalten – vom Klauendesinfektionsmittel über die Spülflüssigkeit für den Melkroboter bis zur Handseife. Die Kosten für dieses Programm haben sich nach Aussagen der Lindenberger Agrargenossenschaft eG schnell rentiert. Die Herde startete 2019 mit einer durchschnittlichen Leistung von ca. 30 kg Milch/Tag und hat sich im Jahr 2025 auf 39 kg Milch/Tag bzw. etwa 12.000 kg Milch pro Kuh/Jahr hochgearbeitet. Zu dieser Leistungssteigerung haben sicher mehrere Faktoren beigetragen wie der Stallneubau 2020/21, aber nach Frankes Einschätzung hat das Hygienekonzept einen großen Anteil daran.

Franke sieht Wasser als Basisfuttermittel und so kommt es ihm sehr gelegen, dass auch die Tränkedesinfektion Teil des Paketes ist. Zwar vertränkt der Betrieb Stadtwasser, aber zur Vermeidung von Biofilm in den Leitungen wird das Leitungswasser mit Chlordioxid versetzt. Ein Vorteil davon ist, dass es sich sofort verflüchtigt, wenn es mit Sauerstoff in Kontakt kommt. Kein negativer Geschmack vergrämt die Kühe. Mittels zentral angebrachter Wasseruhr, die sich direkt an der Aufbereitungsanlage befindet, hat Franke den Wasserverbrauch der Herde einfach im Blick.
Auch weitere Fütterungskomponentengehören zum HyCare-Programm. So gibt es einen Stabilisator, der in die TMR miteingemischt wird und die Nacherwärmung der Ration auf dem Futtertisch verhindert. Die Entwicklung von Hefen, Bakterien und Clostridien wird damit gleich unterbunden. Was Franke ärgert sind die vielen Stare, die zu seinem Missfallen auf seinem Betrieb sehr präsent sind. Sie picken die besten Komponenten aus dem Futter heraus und verdrecken dabei auch in hohem Maße die TMR und den Futtertisch. An einer Lösung für dieses Problem arbeitet er noch. Immerhin gibt ihm der Stabilisator die Gewissheit, dass er eine schlimme Verunreinigung verhindert.
Gegen Schädlinge wie Fliegen säubert er einmal im Monat mit einem speziellen Reinigungsmittel den Spaltenboden. Fliegen und andere Fluginsekten sind deshalb nur minimal zu sehen, selbst im insektenreichen Monat Juni. Dass der Betrieb bisher keine klinischen Blauzungenfälle hatte, sieht Franke u. a. in seinem Fliegenkonzept begründet. Bei den Jungtieren und Färsen sind Fliegenschutzmarken eingezogen, da er diesen Tiergruppen und den Trockenstehern im Sommer Weidegang ermöglicht.
Ein weiterer potenzieller Eindringling ist der Wolf. Unweit von der Hofstelle, in Sichtweite vom Laufstall auf einer Anhöhe, beobachten die Mitarbeiter abends häufig ein Wolfsrudel. Und so hat Franke begonnen, einen mehr als mannshohen Zaun um den Laufstall zu ziehen. Bei den Kälbern und im Abkalbestall werden allabendlich die Tore geschlossen.

Die Hygiene beginnt beim Kalb – kostenfrei
Die Kosten für das Hygienekonzept werden pro Kuhzahl erhoben, dennoch profitieren auch die Kälber davon. Sie erhalten das desinfizierte Wasser und vor ihrem Stallgebäude sind ebenfalls Hinweistafeln zur Reinigung und Desinfektion bei Eintritt, zusammen mit den dafür benötigten Wasserschläuchen zur Reinigung und Wannen zur Desinfektion der Stiefel.
Des Weiteren ist ein Platz definiert, um die Kälberiglus zu reinigen. Die Arbeitsanweisung zum richtigen Einsatz des Desinfektionsmittels hängt praktisch daneben. Weitere Reinigungskomponenten für Nuckeleimer und Abkalbeboxen runden das Hygienekonzept im Kälberstall ab.
Nach der Kalbung erhalten alle Kälber vier Liter Kolostrum. Mit einem Brix-Refraktometer wird der Brix-Gehalt bestimmt. Kolostrum, was nicht sofort vertränkt wird, wird eingefroren. Ob die Kolostrumversorgung gut ist, kontrolliert Franke von Zeit zu Zeit mit einer Brix-Bestimmung im Blut der Kälber. Die guten Tageszunahmen der Kälber sprechen allerdings für sich: bis zu 1.200 Gramm am Tag!
In den ersten Lebenstagen sind die Kälber in Einzeliglus aufgestallt, die vor der Neubelegung immer gemäß der Arbeitsanleitung desinfiziert werden. Bei der Installation des Programms wird streng vom Hersteller darauf geachtet, dass Arbeitsmaterialien wie Bürsten und Wasserzugänge am Arbeitsort vorhanden sind. Verbrauchsmaterialien werden in einem regelmäßigen Turnus geliefert. Schulungen informieren neue und erfahrene Mitarbeiter über Arbeitsvorgänge und Neuerungen im HyCare-Konzept. Franke nutzt den betriebseigenen Schulungsraum gerne für diese Schulungen und bietet damit seinen Mitarbeitern gute Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die diese gerne umsetzen.
Der größte Profit: Zeitgewinn
Neben der guten Tiergesundheit und einer guten Leistung, so Franke, ist der Zeitgewinn seiner Arbeitskräfte der größte Profit. Dies war aber nicht von Anfang an zu erkennen. Ein gutes halbes Jahr hat es gedauert, bis seine Mitarbeiter erkannt haben, dass die vermeintliche Mehrarbeit durch die vielen Hygienemaßnahmen eigentlich arbeitssparende Tätigkeiten sind. Durch das bessere Hygienelevel und die sehr gute, hygienische, energiereiche Fütterung sind die Tiere widerstandsfähiger geworden. Franke hat nur noch selten mit den Faktorenerkrankungen wie Nachgeburtsverhaltungen, Ketosen oder Mortellaro zu tun. Das starke Immunsystem seiner Kühe, das durch eine gute hygienische Umgebung gestärkt wird, kann viel besser mit dem natürlich vorkommenden Erregerdruck umgehen als noch vor zwei Jahren. Dazu trägt auch ganz bestimmt die Ruhe und Abwesenheit von Stress im Stall bei. Die Anzahl der Kühe ist streng nach Roboterkapazität und der Kapazität der Fress- und Liegeplätze ausgerichtet, auch wenn es verlockt, den guten weiblichen Nachwuchs zu behalten. Die Jungtiere werden bis kurz vor Abkalbung in Pension gegeben. Auch hier würde Franke gerne mit dem Hygienekonzept arbeiten. Wie sich das umsetzen lässt, daran wird schon gearbeitet.
Die vielen Tätigkeiten, die bei kranken Tieren anfallen, existieren nicht mehr und so kann Franke seinen Mitarbeitern einen gut durchstrukturierten Arbeitsplatz mit einem durchdachten Arbeitskonzept bieten, das sehr gute Resultate erzielt. Dies mündet in einer hohen Mitarbeiterzufriedenheit und Verlässlichkeit, was Franke sehr zu schätzen weiß. Es bringt den Betrieb kontinuierlich weiter.
Ein Vorbeugekonzept mit Weitsicht
Auffallend im gesamten Betrieb sind die Anweisungen für bestimmte Arbeiten, die in einfache Teilschritte gegliedert sind. Sie zeigen den Mitarbeitenden an den jeweiligen Arbeitsstätten auf, welche Tätigkeiten zu erledigen sind und wie sie zu erledigen sind. Als Teilnehmender des Hygienekonzepts werden sie dem Betrieb gestellt wie auch die regelmäßigen Schulungen. Damit wird das Bewusstsein für die Maßnahmen tagtäglich gelebt und die Mitarbeitenden können ein gutes Niveau aufrechterhalten.
Mit dem MKS-Ausbruch in Deutschland sind spätestens seit Januar dieses Jahres einige Hygienekomponenten in deutschen Milchviehställe wieder beliebter/gefragter geworden. Dennoch sind solche durchdachten Hygienekonzepte, wie die Lindenberger Agrargenossenschaft eG sie implementiert hat, selten zu sehen. Schweine- und Geflügelbetriebe gehen schon länger diesen Weg mit einem allumfassenden Hygienekonzept und erzielen damit gute Erfolge. Es ist ein Schutz, um das Eindringen von Infektionserregern zu verhindern bzw. zu reduzieren, und es birgt Potenzial, um eine gute Tiergesundheit und hohe Leistungsbereitschaft der Tiere zu erhalten. Franke hat zudem in einige Impfungen investiert. Vorbeugen ist besser als heilen – dies ist ein Konzept, das der Betrieb voll lebt.
Text: Kristin Resch, Redaktion
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 4/2025 der Milchpraxis.




























