Beitrag Drucken

Wie werden wir in Zukunft Kälber halten (müssen)?

Beim 39. Rindergesundheitstag des Innovationsteams Milch Hessen diskutierten Experten aus drei Ländern zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Jungviehaufzucht. Prof. Nina Keyserlingk (Kanada, UBC in Vancouver), Prof. Robert James, Emeritus, Virginia Tech University (USA) und Enno sowie Lukas Bremer aus Visselhövede (Landkreis Verden) stellten die Anforderungen heutiger Kälber aus unterschiedlichen Blickwinkeln dar und zeigten Wege auf, wie auch in Zukunft erfolgreiche und rentable Kälberaufzucht aussehen kann.

Während weltweit die meisten Kälber mit Eimertränke und täglich nicht mehr als 6 Litern pro Tag im Prinzip „großgehungert“ werden, sehen alle Experten dieses Modell als nicht mehr zukunftsträchtig an. Kälber müssten immer mehr in Anlehnung an die Erkenntnisse aus der Muttertierhaltung gefüttert werden. Das bedeute, dass sie in den ersten Lebenswochen mindestens 10 Liter Milch bekommen sollten und man den Effekt der metabolischen Programmierung in Zukunft unbedingt nutzen sollte, um nicht mehrere hundert Euro, wie leider in noch viel zu vielen Betrieben üblich, ungenutzt liegen zu lassen.

Die paarweise Haltung, da sind sich die Experten ebenfalls einig, werde in wenigen Jahren absehbar die Standard-Haltungsform für Tränkekälber werden. Zu eindeutig seien die Forschungsergebnisse, die Prof. Keyserlingk vorstellte. Auch denkbar sei, dass die Verbraucher noch eine Stufe weiter gehen werden in ihrer Vorstellung und Forderung nach einer noch artgerechteren Haltung: Dem Wegfall der Trennung von Kuh und Kalb und die gemeinsame Haltung beider, wie aus Studien aus ihrem Institut hervorgeht. Keyserlingk mahnt daher, sich proaktiv damit zu beschäftigen und bis verlässliche Studienergebnisse zum Thema vorliegen, dem Verbraucher zumindest zu zeigen, dass man nach derzeit gültigem Wissen seine Kälber verantwortungsbewusst und artgerecht großzieht.

Prof. Robert James zeigte enorme Potentiale in der Kälberaufzucht auf. So werde das Potential der Kolostrumfütterung noch nicht vollständig im Rahmen der metabolischen Programmierung ausgeschöpft. Auch werde selten auf Temperaturänderungen in der Tränkemenge reagiert. Dabei nehme sowohl nach unten (kälter als 20 Grad Celsius) als auch darüber der Bedarf um mehr als 10 % zu. James erteilte auch der kosteneinsparenden Aufzucht eine Absage. Viel besser und ökonomischer sei es, die Aufzucht an den Kosten pro Einheit Wachstum festzumachen. Alles was in der Tränkephase investiert werde, rechne sich später in der Laktation um ein Vielfaches.

Die Vorteile der automatisierten Tränketechnik werden sich laut James weiter durchsetzen, weil sie neben der Arbeitszeitersparnis vor allem auch die Krankheitsfrüherkennung wesentlich genauer und effektiver ermöglichten.

Familie Bremer aus Visselhövede betreibt neben den fast 1.000 Milchkühe einen separaten eigenen Aufzuchtbetrieb. Jährlich werden dort rund 700 Färsen aufgezogen und rentabel vermarktet. Das ist möglich, weil viel Wert auf Arbeitseffizienz gelegt wird. So ist eine Arbeitskraft für 440 Tiere zuständig. Die Kälber werden drei Wochen ad libitum mit Vollmilch und Milchaustauscher versorgt und mit acht Wochen vollständig abgetränkt. Die Tiere bleiben aber noch weitere drei Wochen in Einzelboxen, um nicht zwei Stressoren auf einmal auf die Tiere einwirken zu lassen. Anschließend geht es in Sechsergruppen in den Gruppen-Strohstall bis zum 6./7. Lebensmonat, ehe sie dann in Laufstallhaltung in 2er Hochboxen-Reihen auf planbefestigten Beton umgestellt werden und auf ihre Besamung warten. Bremers wiegen ihre Tiere regelmäßig und erzielen eine kontinuierliche Gewichtszunahme ohne Rückschläge. Damit kommen die Färsen schon im Schnitt mit zwölf Monaten zur Besamung und mit 21/22 Monaten zum Kalben.

close