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Macht Weidegang die Kuh glücklich?

Wenn Verbraucher nach den wichtigsten Haltungsansprüchen für mehr Tierwohl gefragt werden, stehen Weidezugang und mehr Platz im Stall praktisch immer auf den vordersten Plätzen. Die Milchwirtschaft hat auf diesen Trend reagiert und verschiedene Arten von Weidemilchprogrammen aufgelegt. Dabei ist “Weidemilch” ein dehnbarer Begriff. So erfolgt auf manchen Betrieben der Weidegang im Sommer nur stundenweise, auf anderen wird nahezu die gesamte Futtergrundlage von Frühjahr bis Herbst über die Weide bereitgestellt. Ein zentrales Ziel ist immer die Steigerung des Tierwohls.


Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 4/2022 der Milchpraxis.


Durch den elastischen und trittsicheren Untergrund können Kühe frei ausschreiten und bewegen sich mehr als im Stall. Diese höhere Aktivität fördert einen gesunden Bewegungsapparat und den Stoffwechsel. Fotos: Lamp

Tierwohl ist bekanntlich ein umfassenderer Begriff als das Wort “Tierschutz”. Es geht beim Tierwohl nicht nur um die Freiheit von Schmerzen, Leiden oder Schäden, sondern unter anderem auch um emotionale und körperliche Ausgeglichenheit. Daher spielen neben Krankheiten und schmerzhaften Prozessen auch vermeintlich kleine Dinge wie die Tiersauberkeit eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden. Zudem zeigt die äußere Erscheinung des Tieres an, wie gut es in seinem Haltungssystem aufgehoben ist, seinen Körper ausreichend selber pflegen kann und störungsfrei stehen, liegen und fressen kann.

Versorgung, Wohlbefinden, Sauberkeit, Verletzungen

Die Weide ist der natürlichste Lebensraum unserer Hausrinder. Ihr Bewegungsapparat ist bestens an weiche Grasflächen und Waldböden angepasst, kann aber auch steinige Passagen auf der Weide bewältigen. Doch im Gegensatz zum Lebensraum der Ursprungsformen unseres Hausrindes und früheren Hütehaltungen in abwechslungsreichen Landschaften ist die Weide immer nur ein kleiner, sehr gleichförmiger Lebensraum, der den Tieren nur eine geringe Abwechslung bietet. Zugleich erbringen Milchkühe hohe Stoffwechselleistungen, die eine optimale Versorgung notwendig machen. Es ist also nicht selbstverständlich, dass es Hochleistungskühen mit Weidegang besser geht als im Stall. Exakte Untersuchungen haben sich daher in den vergangenen Jahren mit dieser Frage befasst.

In vielen Forschungsarbeiten wurde erarbeitet, wie man die Frage nach dem Wohlbefinden eines Rindes am besten stellen kann. Dabei haben sich Indikatoren, die die körperliche Erscheinung und das Verhalten der Tiere beschreiben, fest etabliert. So zeigten Messungen des Verhaltens, dass Kühe auf der Weide mehr Liegen, sodass die Gesamtliegedauer höher ist, sie zugleich aber auch mehr Schritte zurücklegen als im Stall. Auch das Sozialverhalten wird auf derweitläufigeren Weide mit dem weicheren Boden besser ausgelebt als im Stall.

Schaut man auf den Körper der Kuh, erlaubt dies unter anderem Rückschlüsse auf die körperliche Unversehrtheit und die Sauberkeit der Rinder. Dabei spiegelt die Sauberkeit zum einen die Fähigkeit der Tiere zur natürlichen Körperpflege wider, ist aber auch ein Anzeiger für die Sauberkeit des Haltungssystems. Neben klaren Entzündungszeichen, die mit negativen Empfindungen wie Schmerz verbunden sind, zeigen auch haarlose Stellen, dass es hier punktuell zu einer hohen Hautbelastung kommt, die zu Schäden an tieferen Geweben und Folgeerkrankungen der Haut führen kann.

In den Jahren 2018 und 2019 wurden am LVZ Futterkamp in Schleswig-Holstein zwei Versuche zur Weidemilcherzeugung durchgeführt. Dabei wurden jeweils 36 melkende Kühe im Sommer konventionell im Stall gehalten, während eine ähnliche Gruppe von 36 Kühen zusätzlich zur identischen Stallfütterung auch Zugang zur Weide erhielt. Unter anderem wurden dabei auch Erhebungen zu Tierwohlindikatoren vorgenommen.

Schont Weide die Sprunggelenke?

Haltungsbedingte Schäden (Technopathien) an verschiedenen Körperregionen getrennt betrachtet, da dies Rückschlüsse auf unterschiedliche Haltungseinflüsse ermöglicht. So wurden auch in beiden Versuchen Schäden an Sprunggelenken, Karpalgelenken (Vorderfuß) und dem Nacken ausgewertet, da diese in der Stallhaltung unter besonderer Belastung stehen können. Besonders der Zustand der Liegeboxen und der Futtertischbegrenzung schlägt sich hier nieder. Dabei zeigte sich aber nur im zweiten Versuch (2019) eine Unterschiedlichkeit. Diese lag im Zustand der Sprunggelenke, die zwar in vergleichbarem Zustand zum jeweiligen Versuchseintritt der Tiere waren, sich bei Ausscheiden aus dem Versuch aber signifikant unterschieden (Abb. 1 und 2). Dies ist vor allem durch den höheren Liegekomfort auf dem elastischen Weideboden zu erklären, wo kaum Reibungen auftreten, die hingegen in den mit Stroh eingestreuten Hochboxen des Futterkamper Stalles nicht gänzlich zu vermeiden sind.

Saubere Kühe durch Weide

Im zweiten Weidemilchversuch wurde auch die Sauberkeit der Kühe erfasst und ihr Zustand zu Versuchseintritt und Versuchsaustritt verglichen. Hier zeigten sichsignifikante Unterschiede in der Sauberkeit von Euter, Bauch und oberem Hinterbein (Abb. 3 und 4). Die Stallgruppe wies hier zur Schlussbewertung teils eine stärkere Verschmutzung als in der Weidegruppe auf, bzw. hatte in allen drei Parametern eine Zunahme der Verschmutzung im Vergleich zur Starterhebung zu verzeichnen. Die Sauberkeit ist dabei nicht nur wichtigfür das Wohlbefinden der Kühe, sondern ist zugleich ein wichtiger Anzeiger für den Keimdruck auf der Haut. Dieser kann sich negativ auf die Eutergesundheit auswirken. Das Liegen auf der Weide und gelegentliche Regenschauer tragen dagegen zu einer verbesserten Fellsauberkeit bei.

Lahmheitsursache 1

In vielen Milchbetrieben weltweit ist die Digitalis (DD), die sogenannte Mortellaro-Krankheit, eine der wichtigsten Lahmheitsursachen. Sie wird durch bestimmte Bakterien verursacht und ist in der frühen und akuten Form mit brennenden Schmerzen verbunden. Viele Betriebe berichten aber, dass sich Weidegang positiv auf das Krankheitsgeschehen auswirkt und entsprechende Lahmheitsprobleme in der Weidesaison seltener sind.

In beiden Futterkamper Versuchen wurden zu Versuchsbeginn und zum Versuchsende die Hinterklauen aller Kühe auf Anzeichen der DD mittels Spiegelmethode im Melkstand untersucht und nach dem von Döpfer et al. (1997) beschriebenen Schema bonitiert. Im Anschluss wurden das frühe und akute Stadium (M1/M2) als schmerzhafte Befunde zusammengefasst sowie die in Abheilung befindlichen Läsionen (M3) und die chronischen Stadien (M4) als nicht schmerzhafte DD-Befunde gebündelt, um diese den gesunden Klauen (M0) gegenüberzustellen. Auch dabei wurden nur Kühe einbezogen, von denen Start- und Endbefunde vorlagen. Dies waren
im Jahr 2018 50 Kühe und 62 Kühe im Versuch von 2019. Dabei zeigte sich in beiden Versuchen eine signifikante Änderung der Befundlage in der Stallgruppe von Versuchsbeginn bis -ende. Jedoch fiel diese in beiden Versuchen unterschiedlich aus, sodass sich kein klarer Trend erkennen lässt. Die Weidegruppe hingegen zeigte eine stabile Situation im Verlauf beider Versuche, in der ohnehin nur sehr wenige schmerzhafte Befunde auftraten.

Wetter-Einfluss

Es zeigte sich im Verlauf beider Versuche deutlich, dass die Weide bei hohen Außentemperaturen zunehmend unattraktiv wurde. So wurde wiederholt beobachtet, dass die Weidekühe an sonnigen Tagen bereits am Morgen nach dem Melken und der Fütterung den Stall kaum mehr verlassen wollten und sich lieber in den eingestreuten Hochboxen ablegten oder zur Mittagszeit wieder den Schatten des Stalles aufsuchten. Daher wurde die Weidezeit im Hochsommer in die Nacht verlegt. Diese Beobachtung wurde auch von der kanadischen Arbeitsgruppe um Marina von Keyserlingk und Dan Weary mehrfach beschrieben, die immer wieder betonen, dass Kühe vor allem nachts Freiluft-Liegebereiche oder wenn möglich die Weide aufsuchen.

Was sagt die Kuh?

Direkt befragen kann man Rinder in Wahlversuchen oder indem man ihnen den Zugang zu einem Ziel künstlich erschwert. Solche Experimente haben in den vergangenen Jahren spannende Erkenntnisse hervorgebracht und manche praktische Erfahrung untermauert: So konnte deutlich gezeigt werden, dass Rinder freie und hinreichend komfortable Gruppen-Liegebereiche im Stall ihren Liegeboxen vorziehen. Kühe waren bereit, regelmäßig mehr als 126 Meter zu einem Gruppen-Liegebereich mit Stroheinstreu oder Liegematten zurückzulegen statt nur die Boxen im Stall zu nutzen. Lässt man Kühen aber die Wahl zwischen einer Weide und einem freien, himmeloffenen Liegebereich auf Sand, bevorzugen sie ganz klar die Weide. In dieser Studie unterschieden sich die Liegezeiten im Sandauslauf nicht von denen auf der Weide, was auf einen ähnlichen Liegekomfort schließen lässt. Während die Weide in Deutschland nur saisonal angeboten werden kann, sind Außenliegebereiche eine ganzjährige Alternative.

Die Attraktivität solcher Ausläufe steigt aber ganz klar mit dem dort vorhandenen Platzangebot. Den schlussendlichen Beweis für die hohe Motivation, die Weide aufzusuchen, fand ebenfalls die kanadische Arbeitsgruppe um von Keyserlingk und Weary, die mittels eines durch einen Expander-Mechanismus geschlossenen Tors prüfen konnte, wie sehr die Kühe entweder auf die Weide oder an frisches Stallfutter gelangen wollten. Dabei brachten die Kühe die gleichen Kräfte auf, um auf die Weide zu gelangen, wie sie brauchten, um das Tor zum frischen Futter zu öffnen (von Keyserlingk et al.,2017).

Weide = Tierwohl?

Auch wenn Kühe sehr gerne auf der Weide sind, ist damit nicht automatisch das höchste Tierwohl garantiert. Dies zeigte die Erhebung des Thünen-Instituts im Rahmen des Projekts „Grazingcowhealth“ an 124 deutschen Bio-Milchviehbetrieben. So waren Kühe auf Betrieben mit viel Weidegang nicht unbedingt gesünder als solche mit wenig oder keinem Weidegang. Die Autorinnen und Autoren schlussfolgern, dass Weidegang zwar viel Potenzial für ein hohes Tierwohlniveau hat, dieses aber nur ausgeschöpft wird, wenn grundlegende Bedürfnisse der Kühe erfüllt werden. Dies betrifft ein ausreichendes Futterangebot in ausgeglichener Zusammensetzung, optimale Klauenpflege und Gesundheitsversorgung sowie einen angepassten Witterungsschutz vor Hitze und rauem Wetter. Wie sooft macht nicht allein das Haltungssystem den Unterschied zwischen Betrieben aus, sondern das Management und die Menschen dahinter. Daher müssen Weidekonzepte immer an den Standort und dessen Möglichkeiten, die Herde und ihr Leistungsniveau sowie die Kapazitäten der betreuenden Menschen angepasst werden. Somit ist kein Weidekonzept gleich und jeder Betrieb muss sein persönliches Optimum finden.


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