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Milchfieber – lebensbedrohlich und Ursache für Folgeerkrankungen

Die Tierärztin sagt…

„Klassisches Milchfieber kennt jeder: Die festliegende Kuh braucht schnellstens eine Kalziuminfusion, damit sie wieder aufsteht. Diese eine Kuh zeigt aber nur die Spitze des Eisberges an, denn Milchfieber ist ein Bestandsproblem. Durch ein effektives Fütterungsmanagement während der Trockenstehzeit und der frühen Laktation konnte die Inzidenz des klinischen Milchfiebers gesenkt werden. Dagegen bleibt die Inzidenz der subklinischen Form hoch, sie liegt schätzungsweise bei 25-73%. Mit der Anzahl an Kalbungen steigt auch das Risiko für Milchfiebererkrankungen. Die betroffenen Kühe geben weniger Milch und sind insgesamt krankheitsanfälliger.“

Das fragt die Landwirtin…

Symptome: Woran erkennt man Milchfieber?

Typisches „klassisches“ Milchfieber (Kalziummangel):

  • Vor allem hochleistende, ältere Tiere (ab 3. Laktation); sehr selten Färsen
  • Meist im Zeitraum um das Abkalben

Festliegende Kuh in sich selbst abhörender Haltung
Festliegende Kuh in sich selbst abhörender Haltung

Verläuft in drei Phasen:

Phase 1: kurz, die Tiere sind überempfindlich und unruhig, zeigen Muskelzuckungen (z.B. Ohren, in der Schultergegend), kein Appetit, unwillig zu laufen, unsicherer Gang
Phase 2:  sehr träge, Gangbild unkoordiniert, schläfriger Gesamteindruck, im weiteren Verlauf Festliegen in Brustlage, eingeschlagener Kopf, kalte Körperoberfläche und Ohren, normale bis erniedrigte Körpertemperatur (kein Fieber)
Phase 3: Festliegen in Seitenlage, keine Reaktion auf äußere Reize, Aufblähen möglich; falls keine sofortige Behandlung, verendet die Kuh

Atypisches Milchfieber (Magnesium-, Phosphormangel, Leberschaden):
  • Tier liegt fest, ist aber aufmerksam und nicht komatös (frisst, gibt Milch)
  • Spricht nicht auf die Kalziuminfusion an
  • Folgeschäden durch das Festliegen (Muskelschäden)
Subklinisches Milchfieber:
  • Tiere liegen viel, aber nicht fest
  • Stehen schwerfällig und nur zögerlich auf
  • Schwankender Gang
  • Fressen kaum und kauen nicht wieder
  • Wechselwarme Ohren
  • Erreichen nicht die erwartete Leistung nach dem Kalben

Krankheitsverlauf: Welche Folgeschäden entstehen im Tier?

Es ist wichtig hervorzuheben, dass auch wenn keine klinischen Symptome auftreten, ein niedriger Blutkalziumspiegel die Gesundheit einer Kuh negativ beeinflussen kann.

Milchfieberkühe haben ein erhöhtes Risiko für Labmagenverlagerungen
Milchfieberkühe haben ein erhöhtes Risiko für Labmagenverlagerungen

Folgen eines Kalziummangels:
  • Muskeltätigkeit vermindert: Ausgrätschen/Ausrutschen (mit Folgeschäden wie z.B. Muskelrissen, Knochenbrüchen)
  • Die Futteraufnahme sinkt, infolgedessen steigt die Körperfettmobilisiation (Risiko für eine Ketose steigt)
  • Die natürlichen Bewegungen von Pansen und Labmagen werden reduziert (Risiko für Labmagenverlagerung steigt)
  • Muskelkontraktionen werden reduziert:
    des Schließmuskels der Zitze, der Zitzenkanal wird nach dem Melken nicht richtig verschlossen (Risiko für eine Mastitis steigt); der Gebärmutter (Risiko für eine Wehenschwäche bzw. Nachgeburtsverhaltung oder Metritis steigt)
  • Die Aktivität bestimmter Abwehrzellen sinkt (Anfälligkeit für Infektionskrankheiten steigt)

Diagnose: Wie kann Milchfieber diagnostiziert werden?

Die Entnahme der Blutprobe vor der Infusion dient der Diagnostik
Die Entnahme der Blutprobe vor
der Infusion dient der Diagnostik

Einzeltier: anhand der klinischen Symptome (Festliegen, Lethargie, Hypothermie, Pansenatonie) aber Achtung: Bei schwerer toxischer Mastitis (E. coli Mastitis) treten sehr ähnliche Symptome auf.
Unterschied: die intravenöse Behandlung mit Kalziumpräparaten wird nur schlecht vertragen, Fieber >40 Grad Celsius, wässriges Eutersekret. Euterkontrolle bei jeder festliegenden Kuh!

Entnahme einer Blutprobe vor der ersten Infusion mit Kalziumpräparaten, falls die Kuh auf die Behandlung nicht anspricht und nicht innerhalb der nächsten acht Stunden wieder aufsteht: Bestimmung des Kalzium- und Phosphorgehaltes. Der Serumkalziumgehalt liegt bei weniger als 1,4 mmol/L. Bei einer subklinischen Form liegt der Wert bei ≤2.15 mmol/L ohne das klinische Symptome auftreten.

Einige Kühe starten auch trotz eines niedrigen Kalziumwertes gut in die Laktation, während andere nur träge in Gang kommen. Es könnte also wichtiger sein zu wissen, bei welchen Kühen der Blutkalziumgehalt niedrig bleibt, also einen Verlauf darzustellen, als nur an einem Tag einen Wert zu ermitteln. Um negative Auswirkungen vorhersagen zu können, sollte man zwei bis drei Tage lang nach dem Kalben die Kalziumwerte bestimmen. Einzelne Kalziumwerte, die innerhalb von zwölf Stunden nach der Kalbung gemessen wurden,  können nur schwache Vorhersagekraft in Bezug auf die Gesundheit von Frischabkalbern liefern.

Erhöhte Leber-und Muskelpararmeter weisen auf andere Ursachen des Festliegens hin
Erhöhte Leber-und Muskelparameter weisen auf andere Ursachen des Festliegens hin

Um das Milchfieber von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die auch mit Festliegen einhergehen, ist es sinnvoll weitere Laborparameter zu bestimmen: Mg (Magnesium), P (Phospor), Muskelenzyme CK und ASAT (Muskelschäden),  Leberparameter GLDH und Bilirubin (Leberschäden).

Feststellung Milchfiebergefahr auf Herdenbasis:

Die Untersuchung von Harn kann HInweise auf Milchfiebergefahr anzeigen
Die Untersuchung von Harn kann Hinweise auf Milchfiebergefahr anzeigen

Blut-und Harnuntersuchung der Transitkühe: Milchfiebergefahr besteht bei erhöhter NSBA (Netto-Säure-Basen-Ausscheidung) und niedrigem Kalziumgehalt im Harn. Niedrige Werte für AP (Alkalische Phosphatase) im Blutserum (Milchfieberindikator).

Therapie: Wann und wie wird behandelt?

Die schnelle Infusionstherapie ist in den meisten Fällebn erfolgreich
Die schnelle Infusionstherapie ist in
den meisten Fällen erfolgreich

Klinische Fälle als Notfall sofort behandeln:

  • Tiere aufrichten, wenn sie in Seitenlage liegen, um ein weiteres Aufgasen zu verhindern (ggf. mit Strohballen abstützen)
  • Intravenöse Infusion von Ca-Lösungen (enthalten meistens auch Phosphat und Magnesium)
  • Dosierung: 1 ml pro KGW der handelsüblichen 24% Kalziumboroglukonatlösungen
  • Infusionsrate nach Wirkung, Mindestdauer 10 Minuten, Herzkontrolle (normale Reaktion auf Kalziuminfusion: Absinken der Herzfrequenz, bei Unregelmäßigkeiten, die Infusion verlangsamen oder abbrechen)
  • Bei ausbleibender Reaktion (Kuh steht nicht auf): Vergrittungsgeschirr anlegen, weich und rutschfest lagern, mindestens viermal pro Tag umdrehen
  • Je nach Blutprobenergebnis und Zustand der Tiere bis zu zwei Nachbehandlungen mit gleicher Dosis nach jeweils 12 Stunden

Subklinische Fälle: siehe Praxistipp

Fragen zu Arzneimitteln und Therapieplan richten Sie bitte an Ihre(n) Hoftierärzt/-in!

Wirtschaftlichkeit: Was bringt die Milchfieberprophylaxe?

Bei Milchfieber schlagen Therapiekosten und Folgerkrankungen zu Buche
Bei Milchfieber schlagen Therapiekosten und Folgerkrankungen zu Buche

Der Kostenpunkt für einen klinischen Milchfieberfall hängt ab vom Schweregrad und Verlauf des betreffenden Falls, es werden Werte von 265 bis 630 Euro pro Fall angegeben, dabei werden Therapiekosten, geringere Milch und Fruchtbarkeitsleistung sowie Tierverluste mit eingerechnet. Bei subklinischem Milchfieber ist ebenso mit dreistelligen Verlusten durch entgangene Gewinne und Mehrkosten zu rechnen, da betroffene Kühe drei bis fünfmal eher an einer der oben genannten Folgeerkrankungen leiden und zu 50% eher die Herde verlassen als Kühe mit einem normalen Blutkalziumgehalt.

Praxistipp: Wie schütze ich meine Tiere vor Milchfieber?

Eine erfolgreiche Prophylaxe erfordert ein klares Konzept mit der Analyse der Schwachstellen des jeweiligen Betriebes.

Grundvoraussetzungen

Nur Kühe, die gut fressen, können auch genug Klazium aufnehmen
Nur Kühe, die gut fressen,
können auch genug Kalzium aufnehmen

Wichtig ist die Gewährleistung einer hohen Futteraufnahme im Kalbezeitraum, denn eine sinkende Futteraufnahme führt zu einer unzureichenden Kalziumaufnahme. Dabei hilft die Vermeidung einer Verfettung durch systematische Anwendung der Konditionsbeurteilung, denn überkonditionierte Kühe fressen schlechter im Vergleich zu dünneren Kühen. Auch abrupte Rationswechsel und schlechte Haltungsbedingungen (Überbelegung, mangelnder Liegekomfort, Hitzestress) sind zu vermeiden.

Konzepte, den Kalziumhaushalt zu regulieren

Alle Milchfieberprophylaxemaßnahmen zielen auf eine Erhöhung der Kalziumverfügbarkeit durch eine verbesserte Aufnahme im Darm und Freisetzung im Knochen ab. Es gibt verschiedene Konzepte, die in unterschiedlicher Weise kombiniert werden können.

1. Kalziumgaben kurz vor und nach dem Kalben

Eingabe eine Klazium -Bolus zur Milchfieberprophylaxe (Quelle: Mahlkow-Nerge)
Eingabe eine Kalzium-Bolus zur
Milchfieberprophylaxe (Quelle: Mahlkow-Nerge)

Im Zeitfenster 12 Stunden vor bis 24 Stunden nach dem Kalben werden Kalziumpräparate als Lösung (Herstellerangaben beachten), Kartuschen oder Boli oral verabreicht. Insbesondere ältere Kühe profitieren von dieser Maßnahme, sowie Kühe mit anderen Erkrankungen wie beispielsweise Lahmheiten, welche die Futteraufnahme reduzieren. Bei Erstkalbinnen wird eine postpartale Kalziumgabe nicht empfohlen. Die Ergebnisse einer neuen Studie deuten darauf hin, dass Kalziumchlorid-/Kalziumsulfat-Boluspräparate effektiver sind als Boluspräparate, die hohe Mengen an Kalziumkarbonat enthalten, und dass zwei Boluspräparate, die schnell nach dem Kalben verabreicht werden, effektiver sein können als die herkömmliche Behandlung mit zwei Boluspräparaten im Abstand von 12 Stunden.

Oder:
Unmittelbar nach der Kalbung subkutane oder intravenöse Gabe einer Kalziumboroglukonat-Lösung

VORSICHT:

  • Die Wirksamkeit wird beeinträchtigt, wenn die Zeitintervalle nicht eingehalten werden.
  • Die subkutane bzw. intravenöse Gaben besitzen nur kurze Wirkdauer, der prophylaktische Effekt ist unsicher, nur ergänzend. Insbesondere bei der Gabe über eine Infusion kann eine Gegenregulation einsetzen (Rebound-Effekt), die den Kalziummangel im weiteren Verlauf verstärkt.
2. Kalziumarme Fütterung

Während der gesamten Trockenstehphase wird kalziumarm gefüttert. Insbesondere in der Transitphase (2-3 Wochen vor der Kalbung) darf das Kalziumangebot 20 g pro Kuh und Tag nicht überschreiten, was für die Rationsgestaltung sehr herausfordernd ist. Neuere Studien haben gezeigt, dass Kühe, die 2 bis 3 Wochen vor der Geburt mit einem Kalziumbinder gefüttert wurden, erhöhte Serum-Kalzium-Konzentrationen während der unmittelbaren peripartalen Periode aufweisen, aber keine der Studien berichtete über Unterschiede in der postpartalen Leistung oder über die Dauer der Kalziumbindung nach Beendigung der Fütterung. Bei dieser Methode bleiben weitere unbeantwortete Fragen, da neben Kalzium auch Phosphate und Magnesium gebunden werden und somit dem Organismus nicht mehr im vollen Umfang zur Verfügung stehen.

VORSICHT:

  • Sofort nach der Kalbung das Kalziumangebot auf den Bedarf einer frühlaktierenden Kuh anheben
3. Vitamin D

Es werden im Zeitfenster 2 bis 8 Tage vor der Kalbung Vitamin D3 intramuskulär verabreicht, um die Aufnahme von Kalzium im Darm zu erhöhen.

VORSICHT:

  • Wenn die Kühe nicht innerhalb einer Woche nach der Gabe von Vitamin D3 abkalben, dann MUSS nach 7 Tage nach der ersten Injektion eine zweite Behandlung durchgeführt werden (ansonsten steigt das Milchfieberrisiko)
  • Mögliche Nebenwirkungen: ungewollte Ablagerung von Kalzium in Weichteilgewebe (z.B. Blutgefäße), deshalb den Zeitpunkt der Geburt genau bestimmen, um eine Wiederholungsbehandlung zu vermeiden, nie mehr als zweimal behandeln, bei Färsen nicht anwenden.
  • Auch die Fütterung von Vitamin D3 rückt in den Fokus, es gibt hierzu aber noch Forschungsbedarf in Bezug auf die Dosierung und Dauer der Anwendung. In einer Untersuchung ergaben die tägliche Fütterung von 3 mg Vitamin D3 für bis zu fünf Tage vor dem Kalben, kombiniert mit einer DACB (s.u.)-Ration und einer oralen Kalziumgabe unmittelbar nach der Kalbung die höchsten Serum-Kalzium-Konzentrationen.
4. Strategien unter Ausnutzung der Kationen-Anionen-Bilanz

Im Zeitraum 2-3 Wochen vor der Kalbung wird mit einer Ration in einem bestimmten DCAB (dietary cation anion balance)-Bereich gefüttert. Das Ziel ist den natürlicherweise bei Pflanzenfressern vorkommende hohen Blut-pH-Wert (Alkalose, wirkt hemmend auf den Kalziumstoffwechsel) abzusenken und die Regulationsmechanismen zu aktivieren.

VORSICHT:

  • Voraussetzung ist eine chemische Analyse der Grobfuttermittel, da Tabellenwerte zu ungenau sind, DCAB-Werte der anderen Futtermittel kann aus Tabellen entnommen werden, mit diesen Kennwerten wird die Ration zusammengestellt. Die DCAB muss wahrscheinlich nicht weniger als -150 mEq/kg der Trockenmasse betragen. Ein optimaler Wert konnte bisher auch durch umfangreiche Forschungsarbeiten nicht ermittelt werden. Eine zu starke Ansäuerung des Blutes würde zu einer verminderten Futteraufnahme führen, was insbesondere im peripartalen Zeitraum kontraproduktiv wäre.
  • Es muss immer eine Erfolgskontrolle (mindestens wöchentlich) bei mehreren Tieren erfolgen (Harn-pH-Wert, Netto-Säure-Basen-Ausscheidung /NSBA im Harn bei Tieren, die die Anionenration seit mindestens 5 Tagen fressen)
  • Der Gesamtkaliumgehalt sollte 15 g/kg TS nicht übersteigen (dafür sind Anwelksilagen von extensiv gedüngten Flächen, Maissilage und Stroh geeignet)
  • Anforderungen an Energie-, Rohfaser-, Protein-, Vitamin- und Spurenelementversorgung beachten. Mehrkalbinnen profitieren am meisten von DACB-Rationen.
  • Saure Salze nie mehr als drei Wochen füttern
DCAB: Was ist das?

Das DCAB (dietary cation anion balance)- Konzept bilanziert den Gehalt an Kationen und Anionen in einer Futterration. Im Mittelpunkt stehen die Konzentrationen der starken Kationen Kalium und Natrium und der starken Anionen Chlorid und Schwefel. Diese Werte ermöglichen eine Orienttierung für den zu erwartenden Effekt einer Ration auf den Säure-Basen-Haushalt der damit gefütterten Tiere. Mit sauren Salzen, besser DCAB-Regulatoren genannt, kann die Ration auf den gewünschten DCAB-Bereich eingestellt werden.


Autorinnen: Dr. med. vet. Katharina Traulsen, Tierärztin, aktualisiert am 14.06.2021 & Dr. Marion Tischer