Beitrag Drucken

Mit viel Innovationskraft und Zahlen ans Ziel

Drei Generationen der Familie Hewecker. (Bild: Möckinghof-Wicke)

Julia Hewecker, Juniorchefin der Hewecker GbR aus Hessen, berichtet über die ersten Erfahrungen mit dem KälberKompass und ihren Betrieb in der Covid-19-Pandemie

Die Hewecker GbR melkt 260 Milchkühe. Dabei wird der Familienbetrieb, bestehend aus Senior- und Juniorchefs, unterstützt von fünf engagierten Mitarbeitern.

Benchmarking im Kälberbereich bisher nicht üblich

Seitdem die Heweckers seit 2018 ihre Milch erfolgreich mit dem Label „Für mehr Tierschutz“ an ihre Molkerei abliefern können, ist ihr Tatendrang für Innovationen ungebrochen. Bei der Teilnahme am Projekt „Kuh-Vision“ stellten Heweckers fest, wie wichtig belastbare Daten sind, um Schwachstellen im Betriebsmanagement zu erkennen und Ziele zu formulieren. Doch Juniorchefin Julia Hewecker fragte sich: „Bei den Kühen ist es einfach, Ziele zu formulieren. Mithilfe der Milchleistungsdaten kann ich gut ihre Leistung und ihre Tiergesundheit kontrollieren. Aber um die Produktivität der Herde auf Dauer noch etwas zu steigern und die Gesundheit der
Herde zu gewährleisten, haben wir nach anderen Leistungsreserven gesucht. Hierbei sind wir darauf gestoßen, dass es keine Leistungskenndaten für die Kälberaufzucht gibt, die tatsächlich kontrolliert erfasst werden.

Parameter in der Kälberaufzucht bestimmen

Sie erinnerte sich an ein altes Wiegeprotokoll, das sie vor neun Jahren im Kälberstall angefangen hatte, aber leider hatte sie die Daten nicht weiter verfolgt und nach einem halben Jahr wieder mit der Erfassung aufgehört. Interessant wären jetzt die Auswertungen: zu wissen, welche Auswirkungen zum Beispiel die Versorgung der Kälber mit Biestmilch und die Gesundheit der Kälber auf die Milchleistung der Milchkühe hat. Da ist das Projekt „KälberKompass“ der Milchpraxis eine neue Möglichkeit, noch genauere Daten zu erheben. Zusammen mit 24 anderen Projektteilnehmern bestimmen seit Anfang dieses Jahres die Heweckers nun ausgewählte Parameter in der Kälberaufzucht und sind auf die ersten Zwischenergebnisse des Projektes gespannt. Anonymisiert wird beim KälberKompass ein Vergleichsprozess zwischen den
Teilnehmern stattfinden und Experten aus Tiergesundheit und Fütterung unterstützen die Landwirte bei aufkommenden Fragen während der ganzen Projektlaufzeit von rund zwei Jahren. Julia Hewecker formuliert eines der Ziele, die sie durch das Projekt erreichen möchte, ganz konkret: Sie will noch weniger weibliche Nachzucht aufziehen müssen, als sie es jetzt schon tun. Ihre derzeitigen Maßnahmen, gesextes Sperma bei den Rindern einzusetzen und die Kühe zu 40 % mit Blau-Weißen Belgiern zu besamen,
greifen den Heweckers noch zu wenig. Sie wollen noch früher aussagekräftige Kennzahlen haben, welches Kalb später eine gute Milchkuh ist, und sie wollen dafür die bestmöglichen Rahmenbedingungen schaffen, da es neben dem genomischen Potenzial noch viele weitere Parameter gibt, die Einfluss haben auf die spätere Milchleistung der Kühe.

Um die Kälberaufzucht zu optimieren, haben sie schon viel angepackt. Das sicherlich größte Projekt ist derzeit am Gange. Sie bauen einen neuen Kälberstall, der die Kälbergruppeniglus ablösen soll. Denn obwohl diese nur noch mit vier Kälbern besetzt sind (anstatt wie die zugelassenen fünf), ist die Juniorchefin kein Fan von ihnen. Die Ammoniakbelastung ist ihr am Ende der Belegung zu hoch.

Kritisch im Blick hat Hewecker auch die Jungviehaufzucht. Diese findet ausgelagert auf einem Pachtbetrieb statt. Doch die ersten Zahlen des KälberKompass sowie die wöchentliche Kontrollen dort sollen den Betrieb dabei unterstützen, die Rinder im passenden Alter mit dem dementsprechenden Gewicht zu besamen. Denn eines ist schon absehbar – die Kälber haben durch die relativ neu eingeführte erhöhte Tränkemenge (9 l/Tag) ein sehr gutes Absetzgewicht.

In Zeiten von Corona

Angesprochen auf die Corona-Krise, kann Julia Hewecker mit der ihr eigenen positiven Kraft das hoffentlich Positive sehen, dass man dem Verbraucher besser aufzeigen kann, wie wichtig und wertvoll die regionale Produktion von Lebensmitteln ist. „Wir sind im letzten halben Jahr viel auf die Straße gegangen, um für Unterstützung für Landwirte zu werben.
Vielleicht kann diese Krise helfen, zu zeigen, wie wichtig die Landwirtschaft im eigenen Land ist.“

Rein praktisch versucht Familie Hewecker den Zugang von Fremdpersonal noch mehr zu reduzieren und Distanz zu wahren. Denn Heweckers tragen eine große Verantwortung für ihre Mitarbeiter und natürlich auch für die Seniorchefs. Einen Ausfall an Arbeitskräften durch tatsächliche Erkrankung oder auch Quarantänemaßnahmen kann ein so großer Betrieb nicht lange alleine stemmen. Und so gilt für Heweckers wie für alle: Abstand halten, möglichst wenig Fremdverkehr und der Wunsch „Bleiben Sie gesund!“.