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Orale Rehydratation – die Soforthilfe bei Kälberdurchfall

Die orale Rehydratationstherapie (ORT) wird seit der Mitte des letzten Jahrhunderts in der Humanmedizin zur Behandlung von Durchfallerkrankungen eingesetzt und wird allgemein als eine der wichtigsten Entwicklungen der Medizingeschichte angesehen. Ermöglicht wurde dies durch die Entdeckung eines Transportmechanismus im Darm, bei dem Traubenzucker und Salz in Kombination aufgenommen werden. Dieser Mechanismus funktioniert auch bei Durchfall. Da im tiermedizinischen Bereich vor allem Durchfall bei jungen Nutztieren eine große Bedeutung hat, wurden in der Folge immer mehr Elektrolytlösungen oder „Diättränken“ zu dessen Behandlung angeboten. In den letzten Jahrzehnten zeigte sich allerdings, dass nicht alle dieser für die Behandlung von Kälberdurchfall vermarkteten Lösungen auch ihren Zweck erfüllen. Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Hintergründe und Prinzipien der ORT beim Kalb mit Neugeborenendurchfall.

Wodurch entsteht Kälberdurchfall?

Neugeborenendurchfall wird fast immer von Parasiten (Kryptosporidien) oder Viren (Rotaviren, Coronaviren) ausgelöst. Diese Erreger verursachen Durchfall dadurch, dass sie die Darmschleimhaut schädigen und so in ihrer Funktion stören.

Kälberdurchfall

Das bedeutet auch, dass die Kälber so lange Durchfall haben, wie es dauert bis die Darmschleimhaut ausheilt. Die dafür benötigte Zeit ist abhängig von der Schwere der Erkrankung. Es gibt keine Medikamente, die die Heilung beschleunigen können.

Was sind die Folgen des Durchfalls für das Kalb?

Unabhängig von den jeweiligen Ursachen gehen dem Kalb als Folge des Durchfalls mehr oder weniger große Mengen an Flüssigkeit, Elektrolyten und Puffersubstanzen verloren.

Der zusätzliche tägliche Flüssigkeitsverlust des kranken Kalbes liegt bei mittelschwerem Durchfall bei ca. 10 % des Körpergewichts (das sind etwa 4 l bei einem 40 kg schweren Kalb). Bei sehr starkem Durchfall können die täglichen Flüssigkeitsverluste aber auch das Doppelte betragen. Daraus ergibt sich für das Kalb die Gefahr der Austrocknung. Diese lässt sich anhand der Augen am besten abschätzen: Fangen die Augäpfel an einzusinken hat das Kalb bereits ca. 8 %  seines Körpergewichtes an Flüssigkeit verloren.

Kälberdurchfall

Sind die Augen soweit eingesunken, dass man fast den kleinen Finger in die Augenhöhle legen könnte, sind es mindestens 20 %. Diese Beobachtungen sind sehr wichtig, da ab einem Austrocknungsgrad von etwa 8 % davon ausgegangen werden muss, dass in aller Regel eine Infusionstherapie nötig ist, um das Kalb zu retten.

Eine weitere Folge des Durchfalls ist eine Blutübersäuerung. Diese entsteht durch den Verlust von Puffersubstanzen und der Ansammlung von zusätzlichen Säuren durch vermehrte Gärungen im Darmtrakt. Kälber mit Blutübersäuerung zeigen ein zunehmend depressives Verhalten (sind müde, schläfrig oder komatös) und eine Beeinträchtigung des Stehvermögens. Solange sie noch stehen können, wirken sie bisweilen wie betrunken. Bei Fortschreiten der Übersäuerung kommt es zum schlaffen Festliegen ohne jede Körperspannung. Auch in diesem Zustand ist alleinig eine Infusionstherapie erfolgsversprechend. 

Wie funktioniert die ORT?

Ein frühzeitiges Erkennen des Durchfalls ist Voraussetzung dafür, dass durch rasch und korrekt angewande ORT eine derartige Verschlechterung der Situation der Kälber und dadurch eine sehr aufwändige Behandlung verhindert werden kann.   

Das Prinzip der ORT besteht darin, die Verluste, die das Kalb über den Durchfallkot erleidet, zu ersetzen. Zu den bereits beschriebenen zusätzlichen Flüssigkeitsverlusten bei Durchfall kommt ein normaler Flüssigkeitsbedarf von etwa 4 Litern, den auch ein gesundes Kalb hat. Das bedeutet, dass ein Durchfallkalb am Tag 8 bis 10 Liter Flüssigkeit aufnehmen muss um nicht auszutrocknen. Etwa die Hälfte davon sollte den Kälbern in Form einer Elektrolyttränke guter Qualität verabreicht werden.

Elektrolyttränken haben einen niedrigen Energiegehalt und können den Nährstoffbedarf der Kälber nicht annähernd decken. Es ist daher für die rasche Erholung des Kalbes wichtig, dass es weiterhin mit ausreichenden Mengen Milch getränkt wird. Der früher empfohlene Milchentzug führt dazu, dass die Kälber rasch abmagern und ihre Abwehrkräfte zusätzlich geschwächt werden. Auch weiß man mittlerweile, dass die Nährstoffe in der Milch bei der Heilung der Darmschleimhaut helfen.

Kälberdurchfall

Idealerweise werden zwei Liter der Elektrolyttränke zwischen den Milchmahlzeiten verabreicht. In jüngerer Zeit werden auch Systeme propagiert, bei denen die Elektrolyte in Milch verabreicht werden. Dies kann nur dann gefahrlos funktionieren, wenn die Kälber von den ersten Lebenstagen an freien Zugang zu Wasser gewöhnt sind und wenn sie noch in der Lage sind Wasser aufzunehmen. Steht den Kälbern kein Wasser zu Verfügung, kann durch die Verfütterung von Elektrolyten in Milch und vor allem in Milchaustauschern (diese enthalten mehr Salz als Vollmilch) eine lebensgefährliche Kochsalzvergiftung ausgelöst werden.

Wann stößt die ORT an ihre Grenzen?

Wenn das Kalb sehr müde oder matt ist und nicht mehr trinkt, oder wenn die Augen beginnen einzusinken, ist es unwahrscheinlich, dass es nur mit Hilfe von Elektrolyttränken wieder auf die Beine kommt. In diesem Fall kann der Tierarzt zusätzlich gezielt durch Infusionen Flüssigkeit, Elektrolyte und Puffersubstanzen zuführen. Der Tierarzt wird dann auch im Einzelfall über zusätzlich notwendige Therapiemaßnahmen entscheiden.

Was muss man über Elektrolytlösungen wissen?

  • Elektrolyttränken sollen die Verluste an Flüssigkeit und Elektrolyten bei durchfallkranken Kälbern ausgleichen und einer Blutübersäuerung entgegenwirken.
  • Die einzigen hierfür nötigen Inhaltsstoffe sind Natrium (in der Regel in Form von Kochsalz), Kalium, Glukose und Puffersubstanzen
  • Glukose muss enthalten sein, damit Natrium vom Darm ins Blut transportiert werden kann. Der Energiegehalt ist für die Qualität einer Elektrolyttränke unwesentlich, da der Energiebedarf des Kalbes über die Milchtränke gedeckt wird.
  • Die wichtigsten Substanzen, die als Puffer eingesetzt werden, sind Bikarbonat, Acetat, Propionat und Citrat.
  • Kälber mit Durchfall neigen stärker zur Blutübersäuerung als menschliche Säuglinge. Aus diesem Grund ist der Gehalt an Puffersubstanzen in manchen Elektrolyttränken unzureichend. Eine Einschätzung der Pufferkapazität ist durch die Berechnung der sogenannten Starke Ionen Differenz (SID) möglich: SID = Na+ in mmol/l + K+ in mmol/l – Cl in mmol/l. Die SID sollte um die 80 mmol/l betragen.
  • Viele auf dem Markt befindliche Produkte enthalten zusätzliche Substanzen, wie z. B. Quellstoffe, Probiotika, Absorbenzien oder Adstringenzien („komplexe Diättränken“). Eine zusätzliche positive Wirkung ist für diese Substanzen nicht belegt und sie sind definitiv nicht notwendig.
  • Einfache Elektrolyttränken, die nur die notwendigen Substanzen enthalten, können auch kurzfristig mit der Sonde oder dem Drencher eingegeben werden, falls die Kälber die Aufnahme verweigern. Vor allem bei Kälbern in Mutterkuhhaltung wird diese Vorgehensweise in der Regel notwendig sein.

Bilder von Dr. Ingrid Lorenz