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Panaritium und Fäule

blogPanaritium“Tritt eine Lahmheit auf, wird oft die Verdachtsdiagnose “Panaritium” geäußert. Zum Glück kommt ein “echtes” Panaritium (Zwischenzehenphlegmone) mit dem typischen geschwollenen Fuß meist nur vereinzelt vor. Gerade in warmen und feuchten Monaten, im Stall, aber auch auf der Weide, kann es aber auch zu fast seuchenartigen Ausbrüchen innerhalb einer Herde kommen. Zunächst haben oft viele Tiere eine Klauenfäule im Zwischenklauenspalt. Ausgehend von im Zwischenklauenspalt eindringenden Bakterien erfasst die heiße und schmerzhafte Schwellung rasch den Fesselbereich und kann unbehandelt weiter fortschreiten. Da Verwechslungsgefahr mit anderen Klauenkrankheiten besteht und die Therapie sich unterscheidet, muss jeder betroffene Fuß untersucht und auch lokal behandelt werden. Die Zwischenzehenphlegmone ist eine der wenigen Klauenkrankheiten, die rasch lebensbedrohlich werden kann.“


Fragen und Antworten

Symptome: Wie sieht ein echtes Panaritium aus? Was ist Ballenhorn- und Klauenfäule?

Zwischenzehenphlegmone (“echtes Panaritium”)
  •  rasches Auftreten (“über Nacht”), mittel- bis hochgradige Lahmheit, Freßunlust, Milchrückgang, oft Fieber (> 39 °C)
  • Zwischenklauenspalt schmerzhaft, warm, geschwollen, Kronsaum schmerzhaft, warm, geschwollen, Haare abstehend (Weide-Igel)
  • Fesselbereich schmerzhaft, warm, geschwollen, Schwellung fortschreitend über Röhrbein/Fessel- und Handwurzelgelenk
Ballenhornfäule:
Ballenhornfäule mit tiefen Kerben
Ballenhornfäule mit tiefen Kerben
  • tiefe Kerben zwischen Weichballen und Fußungsfläch, (hartes Ballenhorn),  bei geringem Umfang zunächst nicht schmerzhaft(Zwischen-)
  • Klauenfäule: schmierige, faulig-stinkende Beläge im Zwischenklauenspalt, darunter oft  schon Risse in der Haut, schmerzhaft, kann Zwischenzehenphlegmonen auslösen
  • meist vergesellschaftet mit Mortellaroscher Krankheit 

Verlauf: Warum verbreitet sich die Krankheit oftmals im Bestand?

Klauenfäule als einer der Auslöser von Phlegmonen wird zunächst als erstes besprochen:

Ballenhornfäule / Klauenfäule
Mortellarosche Krankheit und Zwischenklauenfäule
Mortellarosche Krankheit und Zwischenklauenfäule

Die Erkrankung Ballenhornfäule wird durch Keime ausgelöst, die Feuchtigkeit lieben. In der Anbindehaltung sind oft nur die Hintergliedmaßen, die in der Gülle stehen, betroffen, vorne allenfalls die Seite, auf der ein Tränkebecken tropft. Auch Klauenfäule wird durch Feuchtigkeit überhaupt erst ermöglicht (Keimvermehrung), zudem muss die Zwischenklauenhaut angegriffen sein, meist durch permanentes Stehen in aggressiver Gülle. Feuchtigkeit und Hygienemange sind in Betrieben meist ein Bestandsproblem, deshalb sind dann nahezu alle Tiere von diesen Krankheiten betroffen.

Zwischenzehenphlegmone (Panaritium)
Auch auf der Weide gibt es typische Verbreitungsstellen
Auch auf der Weide gibt es typische Verbreitungsstellen
  • Dichelobacter nodosus, evtl. im Zshg mit Klauenfäule, als Wegbereiter
  • Fusobacterium necrophorum:
    Obligat anaerob (wächst unter Luftabschluß)
    kommt in Pansenflora und Darmtrakt vor – Infektionsgefahr!
    Verschiedene Biotypen mit verschiedener Gefährlichkeit
    Wirkt unterstützend mit:
  • Staph. aureus, E. coli, Actinom. pyogenes, Spirochäten auslösende Erreger bereits im Betrieb verbreitet, z.T. sogar im Darm der Tiere Ansteckung auf der Weide v.a. an matschigen Tränkeplätzen, hoher Kuhverkehr Ansteckung im Stall v.a. an besonders feuchten, unhygienischen Plätzen (Passagen mit Tränkebecken, verschmutzte Liegeboxen, Vorwartehof) unbehandelte Tiere, v.a. ohne Verband, verbreiten die Bakterien millionenfach im Bestand

Seuchenhafte Verbreitung in der Herde

Diagnose: Welche anderen Krankheiten kann man damit verwechseln?

Die Diagnose muss am angehobenen Fuß gestellt werden. Im Klauenstand werden alle Klauen einer Klauenpflege unterzogen, um andere Lahmheitsursachen auszuschließen.

Verwechslungsgefahr (können auch gleichzeitig vorkommen):

Das Bild zeigt:

Einseitige Ballenphlegmone bei tiefgreifendem Wandgeschwür, Klotzentlastung mit zudem unpassender Klotzgröße keine ausreichende Therapie
Einseitige Ballenphlegmone

Einseitige Ballenphlegmone bei tiefgreifendem Wandgeschwür, Klotzentlastung mit zudem unpassender Klotzgröße keine ausreichende Therapie

Tiefe Sohlengeschwüre bzw. tiefe Wandgeschwüre:

langsam zunehmende Lahmheit, Rusterholzsches Sohlengeschwür, wochenlanges Nichtbehandeln, Übergreifen der Infektion auf Sehne, Knochen, Gelenk  – typisch: zunächst einseitige Ballenphlegmone, erst später übergreifend auf den gesamten Fuß

Mortellarosche Krankheit (digitale Dermatitis):

gering- bis mittelgradige Lahmheit, oft viele Tiere betroffen, keine  Schwellung des Fußes, – typische Läsionen (ulzerativ oder wuchernd)

Klauenrehe
  • gering- bis hochgradige Lahmheit, Freßunlust, schleichender Milchrückgang
  • bei akuten, schweren Fällen Schwellung beider Hinterfüße oder aller vier Füße
  • Zwischenklauenspalt ohne besonderen Befund, hochgradig schmerzhafter Hornschuh, ggf. Sohlenblutungen
  • in sehr schweren Fällen Fieber

Therapie: Wie kann ich ein erkranktes Tier behandeln?

Zwischenzehenphlegmone (Panaritium)

Behandlung immer sofort einleiten – vergleichbar einer akuten Mastitis

1. Tag
  • Kuh in den Klauenstand,  Klauenpflege an allen Klauen
  • betroffene Klaue gründlich wiederholt waschen, insbesondere Zwischenklauenspalt – warmes, fließendes Wasser (nicht aus dem Eimer immer wieder Schmutz schöpfen, Bürste anschließend desinfizieren)
  • trocknen
Ein Verband lindert die Schmerzen und verhindert weitere Keimverbreitung.
Ein Verband lindert die Schmerzen und verhindert weitere Keimverbreitung.
Medikamente:
  • bei oberflächlichen Entzündungszeichen: mit Antibiotikaspray behandeln, Verband!
  • bei nur oberflächlich entzündetem Tylom/Limax (Zwischenklauenwulst): Novaderma-Paste unter Verband aufbringen
  • bei nicht sichtbarerer Eintrittspforte oder nur oberflächlichen Entzündungszeichen:   warmer Angussverband (z.B. mit Schmierseifenlösung oder Wundsteinessenz®)
  • bei tiefgreifenden Veränderungen: chirurgische Entfernung durch Hoftierärzt/in

Zusätzlich:

  • systemische Antibiose (Antibiotikum inausreichend hoher Dosierung, ausreichend langer Wirkspiegel)
  • Bei der Anwendung von Antibiotika hat sich mehrtägige Einsatz von Penicillin bestens bewährt, die Wartezeit wird oft durch die Wirtschaftlichkeit relativiert. Bei Hochleistungstieren können für Phlegmonen zugelassene Präparate (z.B. Cephalosporine) mit kürzerer bzw. fehlender Wartezeit auf die Milch eingesetzt werden.
  • Schmerzmittel (ermoeglicht rasche Erholung, auch der Milchleistung)
  • Temperatur kontrollieren, Heilungsverlauf überwachen

Nur MIT Verband wieder zurück in die Herde!

[notification type=”error”]Fragen zu Arzneimitteln und Therapieplan richten Sie bitte an Ihre(n) Hoftierärzt/-in! [/notification]
Folge – Tage
Nach einer Klauenpflege und gründlichen Reinigung wird das Ausmaß der Erkrankung sichtbar.
Nach einer Klauenpflege und gründlichen Reinigung wird das Ausmaß der Erkrankung sichtbar.
  • Verband anfangs täglich wechseln, Fuß waschen (2./3. Tag)
  • Temperatur täglich kontrollieren
  • Antibiotikum je nach Wirkdauer spritzen
  • je nach Verlauf letzte Verbandsabnahme nach 3-5 Tagen
Ballenhornfäule
  • im Rahmen der regelmäßigen Klauenpflege: vorsichtiges Ausschneiden der Kerben zwischen Weichballen und Fußungsfläche
  • Ursachen abstellen
(Zwischen-) Klauenfäule
Kontrolle des Zwischenklauenspaltes bei der Klauenpflege, bei Fäule Antibiotika haltiges Spray auftragen
Kontrolle des Zwischenklauenspaltes bei der Klauenpflege, bei Fäule Antibiotika haltiges Spray auftragen
  • bei lahmenden Tieren:
    • Kontrolle im Klauenstand, Klauenpflege
    • Reinigung des Zwischenklauenspaltes
    • Antibiotikum-Spray
  • bei der regelmäßigen Klauenpflege
    • Klauenpflege
    • Reinigung des Zwischenklauenspaltes
    • Antibiotikum-Spray

Nutzen: Warum sollte ich sofort (be-) handeln?

Phlegmonen sind schmerzhaft, dieses Tier liegt deshalb vermehrt auf der kranken Seite (Fuß schläft ein; Abdrücke des Gitterrostes sichtbar). Stets auch an Temperaturkontrolle denken.
Phlegmonen sind schmerzhaft, dieses Tier liegt deshalb vermehrt auf der kranken Seite (Fuß schläft ein; Abdrücke des Gitterrostes sichtbar). Stets auch an Temperaturkontrolle denken.
  • Eine “Phlegmonen-Kuh” ist eine echte Keimschleuder. Sie verbreitet allein durch den Kontakt des erkrankten Fußes mit dem Untergrund die Erreger überall im Stall und auch auf der Weide, insbesondere natürlich an viel frequentierten und ggf. unhygienischen Stellen.
  • Eine erkrankte Kuh hat Schmerzen. Sie muss umgehend behandelt werden, auch um Milchrückgang und weitere wirtschaftliche Verluste zu vermeiden – nur rasch behandelte Tiere können zur Ausgangsleistung zurückkehren. Ein Verband ist schmerzlindernd.
  • Die Erreger dringen in die Unterhaut ein und können fortschreiten. Gefäße werden erfasst, die Bakterien können in Lunge, Leber, Nieren ansiedeln und Abszesse auslösen. Es kann zu Herzklappenentzündung kommen.
  • Stets lokale Behandlung und Verband durchführen. Eine reine Antibiotika-Behandlung führt erst nach einiger Zeit zur Keimreduktion am Fuß, solange verbreitet die Kuh noch Erreger.

Tipp: Was kann ich vorbeugend tun?

Mortellarosche Krankheit, Rehe, Geschwüre
  • erkrankte Tiere immer umgehend behandeln, um eine Verbreitung zu unterbinden
  • Haltungsumgebung trocken und sauber halten (in Anbindehaltung häufiger ausmisten, Passagen mindestens 2 x täglich reinigen, Boxenreinigung verbessern, Tränkeplätze drainieren und häufiger wechseln)
  • Schieber häufig laufen lassen (bis stündlich), Spaltenroboter anschaffen
  • in massiv betroffenen Betrieben kann eine regelmäßige Stalldesinfektion (Reinigung, Trocknung, Desinfektion alle 6 Monate) den Keimdruck reduzieren
  • Ballenhornfäule und Klauenfäule regelmäßig behandeln (s.o.)
    Mangelhafte Laufflächenhygiene und unbequeme Liegeboxen können Phlegmonen begünstigen.
    Mangelhafte Laufflächenhygiene und unbequeme Liegeboxen können Phlegmonen begünstigen.
  • jeder Lahmheit umgehend nachgehen, Mortellarosche Krankheit, Sohlen- und Wandgeschwüre, Klauenrehe behandeln, Ursachen abstellen
  • keine erkrankten Tiere in die Abkalbebox stellen, Krankenboxen regelmässig reinigen und desinfizieren.

Autorin: Dr. med. vet. Andrea Fiedler