Selektiv Trockenstellen: Keine Angst vorm Nicht-Behandeln

Auch wenn der Einsatz von Antibiotika in der Tiermedizin in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken ist, so ist die Abgabemenge von antibiotischen Medikamenten zur reinen Euterbehandlung seit 2018 leicht gestiegen. Das antibiotikafreie Trockenstellen bei gesunden Kühen bietet enormes Einsparpotenzial. Was beim selektiven Trockenstellen zu beachten ist, lesen Sie hier.

Ein Schalmtest am Tag des Trockenstellens hilft, mögliche Zellzahlerhöhungen auf Viertelebene zu erkennen. Foto: Sorge

Der aktuelle Bericht über Antibiotikaverkaufszahlen an deutsche Tierarztpraxen im „Grünen Heinrich“ berücksichtigte alle Tierarten und Antibiotikaklassen. Hier ist sehr positiv zu sehen, dass der Verkauf von Antibiotika durch Pharmaunternehmen an Praxen zwischen 2011 und 2021 um 65 % gesunken ist. Für Antibiotikabehandlungen bei Milchkühen fehlen explizite Daten. Jedoch lässt sich die derzeitige Entwicklung bei Euterbehandlungen auf Milchviehbetrieben zumindest abschätzen, da ausschließlich Mastitiden adulter Milchrinder „intrazisternal“ (Eutertuben) behandelt werden. Betrachtet man also lediglich die Abgabe von intrazisternalen Antibiotika, so fällt auf, dass deren Abgabemenge seit 2018 um 5 % gestiegen ist, während die Anzahl der Milchkühe in Deutschland (laut Statistischem Bundesamt) gleichzeitig um 7 % gesunken ist. Da es keine genaueren Informationen zur Behandlung einzelner Tiere gibt (z. B. Behandlung klinischer Mastitiden oder subklinischer Mastitiden zum Trockenstellen), lässt sich die Ursache dieses Trends aktuell nicht abschätzen.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, sollten auf allen Betrieben Managementpraktiken und Behandlungsstrategien mit dem Hoftierarzt überprüft und ggf. nachjustiert werden. Die bisherige Reduzierung der Antibiotikabehandlungen im Veterinärbereich verlief ohne nennenswerte Auswirkungen auf die Tiergesundheit und zeigt, dass die moderne Landwirtschaft sich bereits jetzt auf Vorbeugemaßnahmen fokussiert und dadurch weniger Behandlungen gebraucht werden.

Parameter für das selektive Trockenstellen

Im Milchviehbereich bieten insbesondere die Euterbehandlungen während der Trockenstehphase ein großes Einsparpotenzial. Während in den 1970er–1990er- Jahren empfohlen wurde, die ganze Herde zum Trockenstellen zu behandeln, ist diese Empfehlung nicht mehr zeitgemäß und nur noch im Zuge von zeitlich begrenzten Bestandssanierungen fachlich begründbar. Viele formelle Studien und Praxiserfahrungen zeigen, dass die gezielte Behandlung erkrankter Tiere oder Viertel zum Trockenstellen und das gleichzeitige Weglassen des antibiotischen Trockenstellers bei gesunden Tieren (selektives Trockenstellen) die Eutergesundheit einer Herde nicht riskiert. Allerdings müssen dabei einige Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.

Liegt die Tankmilchzellzahl über 200.000 Zellen/ml und die Neuinfektionsraten während der Laktation oder der Trockenstehphase über 15 %, sollte zunächst mit einer Sanierung der Eutergesundheit der Herde begonnen werden. Die Neuinfektionsraten für die eigene Herde können den gängigen Herdenmanagementprogrammen (z. B. LKV-Herdenmanager) entnommen werden. Gibt es Abweichungen von diesen Kennzahlen, muss die Ursache gefunden und abgestellt werden, da sonst Neuinfektionen den Erfolg jeglicher Behandlungen schnell „verpuffen“ lassen. Insbesondere bei Infektionen mit Umweltkeimen zeigt sich dies. Umwelterreger werden immer in der Umgebung der Tiere vorliegen und empfängliche Kühe werden sich ohne Vorbeugemaßnahmen stets wieder anstecken. Sich allein auf Behandlungen als Sanierungsmaßnahme zu verlassen, reicht also nicht. Zumal einmal euterkranke Tiere auch nach einer erfolgreichen Behandlung anfälliger für erneute Mastitiden sind und schlechter auf erneute Behandlungen ansprechen.

Des Weiteren sind aktuelle Laborergebnisse für Behandlungsentscheidungen und die Teststrategie der Herde unablässig. Die Laborergebnisse aus Viertelgemelksproben müssen stets repräsentativ vorliegen, um die Mastitiserreger der Herde zu kennen. Ob dies über regelmäßige Teiluntersuchungen der Herde oder das Einsenden von Proben neu infizierter Tiere zu verschiedenen Laktationszeitpunkten geschieht, ist sekundär. Werden bei diesen Untersuchungen nur Umweltkeime und sog. Minor-Pathogene (z. B. KNS) nachgewiesen, reicht zumeist die Auswertung der Zellzahlen von Probemelkergebnissen und dem Schalmtest am Tag des Trockenstellens, um Behandlungsentscheidungen zu treffen. Unauffällige Kühe und Viertel (Schalmtest) brauchen keine antibiotische Behandlung. Gibt es hingegen kuhassoziierte Erreger wie Staphylococcus aureus, Streptococcus agalactiae (Galtstreptokokken) oder Streptococcus canis in der Herde, kann bis zu ihrer Ausmerzung nicht auf Viertelgemelksproben zum Trockenstellen verzichtet werden. Nur so lassen sich latente Infektionen erkennen und behandeln und gleichzeitig Vorbeugemaßnahmen einleiten. Denn etwa jede fünfte Viertelgemelksprobe mit S.-aureus-Nachweis hatte unter 100.000 Zellen/ml. Ohne Laborergebnisse wären diese Infektionen übersehen und nicht behandelt worden. Bleiben sie unbehandelt oder zeigt sich kein Behandlungserfolg (Kontrolle nach Abkalbung), dienen diese Kühe weiter als Infektionsreservoir und stecken lustig weitere Kühe in der Folgelaktation an.

Probemelkergebnisse und Software zurate ziehen

Für die Entscheidungsfindung für Behandlungen sind Probemelkergebnisse und Herdensoftwareprogramme sehr hilfreich. In Bayern gibt es beispielsweise im LKV-Herdenmanager ProGesund „Aktionslisten“, die Kühe auflisten, die demnächst trockenzustellen sind. Der TGD Bayern e.V. überträgt auf Wunsch die Ergebnisse aller Viertelgemelksproben automatisch ins ProGesund. So sieht man auf einen Blick, ob die Kuh in den letzten drei Monaten eine hohe Zellzahl oder sonstige Euterbefunde in der Laktation hatte. Als Grenzwert für „hohe“ Zellzahlen beim Probemelken bieten sich 100.000 Zellen/ml an. Grenzwerte sollten im Betrieb einheitlich gehandelt werden, damit man den Erfolg der Test- und Behandlungsstrategie auch überprüfen und notfalls anpassen kann.

Damit mögliche Problemviertel nicht übersehen werden, sollte man stets einen Schalmtest am Tag des Trockenstellens durchführen, um sich ein letztes Mal abzusichern. Denn eine Euter-unauffällige Kuh kann sich seit dem letzten Probemelken bzw. seit der Viertelgemelksprobennahme eine Euterinfektion zugezogen haben und nun doch eine Behandlung benötigen.

Vor Neuinfektionen schützen

Gesunde Kühe brauchen keine antibiotische Behandlung, müssen aber auch vor Neuinfektionen in der Trockenstehphase geschützt werden. Dies geht letztendlich nur über das Management. Denn während der Trockenstehphase gibt es zwei Risikophasen für Neuinfektionen: zu Beginn und am Ende (bzw. Transitphase). Insbesondere das Ende der Trockenstehphase birgt auch für behandelte Kühe ein hohes Infektionsrisiko. Die Konzentrationen der Antibiotika im Eutergewebe sind dann unterhalb des effektiven Hemmspiegels gesunken und können keine Neuinfektionen verhindern. Für die Minimierung des Risikos von Neuinfektionen helfen die altbekannten Managementpraktiken: Sauberkeit, gute Fütterung, Minimierung von Stressoren und ggf. Zitzenversiegler etc. Selektives Trockenstellen ist somit für nahezu alle Herden umsetzbar und bedeutet also nichts Weiteres, als das alte Credo für Antibiotikabehandlungen noch konsequenter als bisher umzusetzen: So wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Euterexperte Prof. Dr. Volker Krömker und sein Team von der dänischen Universität Kopenhagen möchten herausfinden, wie weit Milchviehbetriebe auf dem Gebiet des selektiven Trockenstellens sind. Sie können dabei unterstützen! Die kurze Umfrage dauert nur wenige Minuten – bitte nehmen Sie hier teil.