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Subakute Pansenazidose (SARA): Saurer Pansen mit Folgen

Die subakute Pansenazidose ist ein typisches Problem der modernen Hochleistungskuh und stellt in den meisten Milchviehherden eine zunehmende Herausforderung dar. Bis zu 25% der früh- und hochlaktierenden Kühe können betroffen sein. Folgeerkrankungen wie Klauenrehe und Fruchtbarkeitsprobleme führen zu großen wirtschaftlichen Verlusten. Die akute Pansenazidose kommt viel seltener vor, ist dafür aber lebensbedrohlich.

Symptome einer subakuten Pansenazidose (SARA: Subacute ruminal acidosis)

Subakute Pansenazidose
(SARA: Subacute ruminal acidosis)

  • Milchkühe mit SARA zeigen oft keine klaren, offensichtlichen klinischen Anzeichen, ein Parameter alleine reicht zur Diagnose nicht aus.
  • Es sind immer mehrere Tiere einer Gruppe betroffen.
  • Tritt häufig in der Frühlakation auf, wenn der Kraftfutteranteil zur Deckung des steigenden Energiebedarfs erhöht wird (Anfütterung) oder in der Hochlaktation, wenn enorme Kraftfuttermengen verabreicht werden.
  • Häufig verminderte bzw. wechselhafte Futteraufnahme, da die Milchkühe ihre Futteraufnahme verringern, um die Säurebelastung im Pansen zu reduzieren. Die Kühe beginnen wieder zu fressen, wenn der Pansen-pH-Wert steigt.
  • Dünnflüssiger Kot kann auf SARA hinweisen, wechselnde Kotkonsistenz, schaumiger Kot mit Gasblasen und unverdauten Futterbestandteilen kann auftreten (Kotpartikel größer als 0,5 cm).
  • Verminderte Milchleistung
  • Verminderung des Milchfettgehalts (< 3,6%)
  • Fett/Eiweißquotient < 1
  • Wiederkautätigkeit nimmt ab (< 40 Wiederkauschläge 3 Stunden nach Fütterung)
  • die Symptome der Folgeerkrankungen treten oftmals verzögert auf (normalerweise 3-6 Monate nach einer SARA-Episode, beispielsweise Klauenrehe, Gewichtsverlust und eine schlechte Körperkondition trotz ausreichender Energiezufuhr ➤ die Tiere sind oft abgemagert und sehen struppig aus.
  • Erhöhte Infektionsanfälligkeit, Euter-, Klauen- und Fruchtbarkeitsprobleme, Labmagenverlagerung

Dünnflüssiger Kot kann auf SARA hinweisenDünnflüssiger Kot kann auf SARA hinweisen

Oft berichtet im Zusammenhang mit:

Ration nicht wiederkäuergerecht:

  • Strukturmangel (zu wenig Grundfutter, durch Vermusen Strukturarmut des Grundfutters)

    Hochleistende Kühe sind anfällig für SARA
    Hochleistende Kühe sind anfällig für SARA
  • Überschuss an leicht löslichen Kohlenhydraten (zu hohe Kraftfuttergaben, falsche Verteilung des Kraftfutters auf die tägliche Ration)
  • Zu schnelles Anfüttern (plötzlicher Wechsel von einer energiearmen auf eine energiereiche, rohfaserarme Ration)
  • Fehler in der Kraftfutterdosierung und Verteiltechnik

 Stress

    • Hitze
    • Umstallung
    • Überbelegung

Begriffsdefinition, Ursachen und Folgen

Der ph-Wert sinkt bei SARA
Der ph-Wert sinkt bei SARA

Eine subakute Pansenazidose ist eine Störung der Pansenfermentation, die über längere Zeitspannen mit erniedrigtem Pansen-pH-Wert unter 5,5-5,8 gekennzeichnet ist. Der pH-Wert der Pansenflüssigkeit ist ein Maß für die Säure oder Alkalinität des Panseninhalts. Ein niedrigerer pH-Wert bedeutet einen höheren Säuregehalt. Für eine optimale Pansenfermentation und Ballaststoffverdauung sollte der Pansen-pH-Wert zwischen 6,0 und 6,4 liegen, obwohl der Pansen-pH-Wert auch bei gesunden Kühen während des Tages für kurze Zeit unter diesem Wert schwankt.

Es ist hervorzuheben, dass es deutliche tageszeitabhängige sowie tierindividuelle Unterschiede bei der Feststellung und der Toleranz des Pansen-pH-Werts gibt. Der pH-Wert sollte also nicht als alleiniges Kriterium für diesen Erkrankungskomplex herangezogen werden. Man könnte hier daher auch den Begriff „Panseninstabilität“ verwenden.

Bei einer subakuten Pansenazidose kommt es durch die steigende Aufnahme leichtverdaulicher Kohlenhydrate und gleichzeitig sinkender Aufnahme von strukturwirksamer Rohfaser zu einer Konzentrationserhöhung von flüchtigen Fettsäuren im Pansen. Unter wiederkäuergerechten Fütterungsbedingungen können die flüchtigen Fettsäuren leicht von den Pansenzotten in den Körperkreislauf aufgenommen werden, diese Kapazität wird allerdings mit steigender Energiedichte in der Ration überschritten.

Weiterhin führt Rohfasermangel zu einer verminderten Kauaktivität, infolgedessen sinkt auch der Speichelfluss, der normalerweise eine Pufferfunktion im Pansen ausübt. Der optimale pH-Bereich für die faserabbauenden Pansenorganismen wird unterschritten. Dabei kommt es zu einer verringerten Bildung von Essigsäure (die v.a. zur Milchfettsynthese genutzt wird) und zu einer gesteigerten Bildung von Propionsäure (die v.a. zum Körperfettaufbau genutzt wird): daraus resultiert der Abfall des Milchfettgehaltes und Verfettung der Tiere.

Als Folge von Störungen der Pansenfermentation treten Entzündungsreaktionen auf. Zum einen direkt lokal an der Pansenschleimhaut (Ruminitis, Pansengeschwüre) als auch systemisch im Tierkörper, da die Durchlässigkeit der Pansen- und Darmschleimhaut gegenüber Bakterien und Giften erhöht ist (Stichwort leaky gut) ➤ zum Beispiel werden Leberabszessen oder Klauenrehe beobachtet.

Blutungen in der Sohle weisen auf Klauenrehe hin
Blutungen in der Sohle weisen auf Klauenrehe hin

Diagnose

Eine subakute Pansenazidose ist in der Regel durch einen anormalen und intermittierenden Abfall des Pansen-pH gekennzeichnet. Die hohe Variabilität des Pansen-pH-Wertes bei den einzelnen Tieren und die unterschiedlichen Messmethoden für die pH-Datenerfassung verringern jedoch die Aussagekraft der Ergebnisse. Eine Diagnose ist oft schwierig, da es sich um ein sehr komplexes Geschehen auf Herdenbasis handelt. Die Messung des pH-Werts im Pansen bei einem Einzeltier reicht allein nicht aus, für einzelne Tiere können auch niedrige pH-Werte ohne negative Folgen bleiben.

Beim Vorliegen der oben erwähnten unspezifischen Symptome und wenn bei 3 von 12 einer Gruppe ein Pansen-pH von unter 5,5 gemessen wird, kann davon ausgegangen werden, dass eine subakute Pansenazidose/Pansenfermentationsstörung für die Herdenprobleme verantwortlich ist.

Die Art und der Zeitpunkt der Pansensaftentnahme üben einen großen Einfluss auf das Ergebnis aus:


Pansenschlundsonde

Eine Sonde wird über das Maul in den Pansen geschoben und Pansensaft wird abgesaugt. Die Beurteilung des Pansensaftes kann auf SARA hinweisen.

Die Beurteilung des Pansensaftes kann auf SARA hinweisen
Die Beurteilung des Pansensaftes kann auf SARA hinweisen

Vorteile:
  • Wenig invasiv (keine Verletzung der Bauchwand), mit spezieller Pansensaftentnahmesonde nach HAMBURGER speichelfreie Entnahme möglich
Nachteil:
  • Speichelbeimengungen können den pH-Wert verfälschen, nur aktuelle Werte, kein pH-Verlauf sichtbar ohne erneute Probennahme.

Pansenpunktion

Die Pansenpunktion ist eine "kleine" OP, die nicht beliebig wiederholbar ist.
Die Pansenpunktion ist eine “kleine” OP, die nicht beliebig wiederholbar ist.

Die Pansenpunktion ist eine “kleine” OP, die nicht beliebig wiederholbar ist. In der Flanke wird eine Kanüle in den Pansen eingestochen und Pansensaft abgesaugt.

Vorteil:
  • Keine Speichelbeimengung
Nachteil:
  • Nur aktuelle Werte, kein Verlauf sichtbar ohne wiederholtes punktieren (Verletzung der Bauchwand, Entstehung einer Bauchfellentzündung oder Bildung von Abszessen an der Einstichstelle möglich)

Pansen pH-Bolus

Eingabe eines Pansen ph Bolus, Quelle: Dr. K. Mahlkow-Nerge
Eingabe eines Pansen ph Bolus, Quelle: Dr. K. Mahlkow-Nerge

Ein Messgerät in Form eines Bolus (ähnl. Käfigmagnet) wird über das Maul eingegeben und kommt im Vormagenbereich zu liegen, misst dort alle 10 Minuten den pH-Wert und sendet die Werte an eine Empfangsstation.

Vorteile:
  • Verlaufswerte (wiederholtes Absinken des pH-Wertes) darstellbar
Nachteile:
  • Anschaffungskosten Bolus und Technik

Weitere Hinweise bietet die Beurteilung des Wiederkauverhaltens (mehr als 50% der Kühe in den Liegeboxen sollten wiederkauen, zwei Stunden nach dem Füttern sogar 90%; je abgeschlucktem Bissen 50 bis 70 Wiederkauschläge, wenn < als 50 Hinweis auf mangelnde Struktur) sowie die Harnuntersuchung: NSBA < 80 mmol/l (Achtung bei Fütterung von sauren Salzen), pH-Wert und die Kontrolle des Milchfettgehaltes: < 3,6%, über 45% der Kühe in der Frühlaktation weisen gegenüber dem Vormonat einen Abfall um 0,4% auf, Fett-Eiweißquotient < 1.

Auch die Modellierung des pH-Wertes auf Basis der Rationsdaten und der Fress- und Wiederkauaktivitäten ermittelt über Sensortechnik ist möglich. Hierbei ist die Erfassung von tierindividuellen und tageszeitabhängigen Unterschieden von Vorteil, um gezielt für einzelne Tiere Voraussagen zu erstellen, ob das Risiko für Pansenfermentationsstörungen besteht.

Prophylaxe

Vor allem bei der subakuten Pansenazidose ist nur selten eine individuelle Behandlung notwendig, hier liegt das Hauptaugenmerk auf der Prophylaxe, die eine wiederkäuergerechte Fütterung in allen Phasen der Laktation beinhaltet. Denn die Folgeschäden wie zum Bespiel Klauenrehe können zu einer massiven Reduktion der Milch- und Fruchtbarkeitsleistung führen.

Kurz gesagt, die beste Prophylaxe ist eine wiederkäuergerechte Fütterung.
Diese stellt allerdings bei Milchleistungen über 45 l pro Tag und bei der Intensivmast eine große Herausforderung dar und erfordert ein einwandfreies Konzept.

Optimale Rationsgestaltung:
  • ausreichende Versorgung mit Rohfaser (> 320g strukturierte Rohfaser/100 kg Lebendmasse, 2,4kg strukturwirksame Rohfaser/Kuh/Tag, Rohfasergehalt der Rationstrockenmasse: 15-18%)
  • Grenzwerte der leicht löslichen Kohlenhydrate beachten (Zucker, Stärke max. 25%) Kraftfutteranteil in der Ration max. 60%
  • Futtermittel mit hoher Pansenstabilität (z.B. getrocknete Zuckerrübenschnitzel) einsetzen
  • Einwandfreie, schmackhafte Silage (ohne Mykotoxine!)
  • Einmischung von Pansenpuffern in die Ration (Natriumbikarbonat, 1% des Kraftfutters; wird nicht pauschal empfohlen, da möglicherweise die Futteraufnahme beeinträchtigt wird)
Optimale Fütterungstechnik:
  • schrittweise Anpassung an Rationen mit hoher Energiedichte und geringem Rohfasergehalt, insbesondere im peripartalen Zeitraum, z.B. gilt als Faustzahl bei der Anfütterung nach dem Kalben: 2kg Kraftfutter/Woche
  • optimales Futtertisch-Management: permanenter Zugang zum Futter, damit eine gleichmäßige Futteraufnahme möglich ist, Futter mehrmals am Tag nachschieben, glatte Futtertischoberfläche, Futtertisch einmal täglich reinigen
  • Bei getrennter Fütterung von Rau- und Kraftfutter immer das Raufutter vor dem Kraftfutter vorlegen
  • Kraftfutter (auch Futterrüben, Kartoffeln) auf mehrere kleine Gaben pro Tag verteilen (max. 2kg je Mahlzeit)

Partiklegröße mit Hilfe der Schüttelbox überprüfen
Partiklegröße mit Hilfe der Schüttelbox überprüfen

  • Bei Verfütterung einer TMR auf gute Vermischung achten (selektives Fressen von Getreide muss verhindert werden), aber auch keine Vermusung (Abnahme des der Strukturwirksamkeit) zulassen (Kontrolle der exakten Arbeitsweise des Futtermischwagens)
  • Partikelgröße mittels einer Schüttelbox überprüfen (in einer totalen Mischration sollten wenigstens 10% der Futterpartikel (Gewichtsbasis) im oberen Sieb verbleiben, d.h. eine Länge von über 4 cm haben) Ausreichend Fressplätze (keine Überbelegung), genügend Zeit zum Fressen geben, regelmäßiges Füttern

aktualisiert am 15.09.2021

Autorinnen: Dr. med. vet. Katharina Traulsen, Tierärztin  & Dr. Marion Tischer