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Weidehaltung und TMR-Fütterung: Wie geht das zusammen?

Gerade bei der Weidehaltung mit Milchkühen prallen große Gegensätze aufeinander: während die Verfechter höchstmöglicher Milchleistungen je Fläche gerade in der Kurzrasenweide hierfür die beste Möglichkeit sehen, versuchen Landwirte, deren Ziel maximale Einzeltierleistungen sind, die Weidegrasaufnahme der Kühe zu begrenzen. Dieses erklärt, warum die Weidehaltung von Milchkühen in den letzten Jahrzehnten einem starken Wandel unterworfen war. In jedem Fall muss die Fütterung immer auf das Weidesystem angepasst werden.

Der komplette Artikel ist abgedruckt in der MP 1/2021. Online können Sie hier den vollständigen Artikel lesen, wenn Sie Abonnent der MILCHPRAXIS sind.

Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge, Fachhochschule Kiel

Kaum jemand bezweifelt die zahlreichen Vorteile der Weidehaltung, besonders im Bereich der Haltung. Das Liegeverhalten und der Aufstehvorgang sind hier ohne begrenzende Abtrennungen möglich, genau wie die deutlich bessere Einhaltung notwendiger Individualdistanzen. Auch werden die Klauen auf gewachsenem Boden besser gereinigt und trocknen ab und eine permanente Belastung der Klauen durch Harn und Kot entfällt. Zudem bewirkt die UV-Strahlung die Vitamin D3-Bildung in der Haut mit positiven Effekten bezüglich der Gesundheit und Fruchtbarkeit.

Besonders aber erfüllt die Weide die Ansprüche des Verbrauchers an die Tierhaltung, weshalb der Einzelhandel die Weidehaltung umwirbt und finanzielle Anreize dafür bietet.

Weide hat nicht nur Vorteile

Ohne dass hier die Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden sollen, bleiben immer mehr Kühe ganzjährig im Stall. Das hat mehrere Gründe. Zum einen fehlen oftmals, und das vor allem bei größeren Betrieben, genügend arrondierte Weideflächen in Stallnähe. Zum anderen ist eine gleichmäßige Nährstoffversorgung der Kühe über den Tag genauso wie über die gesamte Weideperiode hinweg sehr schwer zu realisieren, da sich Weidegras sehr schnell in der Zusammensetzung ändert

Insofern müsste ständig mit einer entsprechend angepassten Zufütterung darauf reagiert werden. Das aber wiederum setzt die Kenntnis voraus, wieviel und was genau die Kühe gefressen haben.

Weide aus ernährungsphysiologischer Sicht

Unbestritten ist, dass höchstmögliche Einzeltierleistungen mit umfangreicher Weidefütterung kaum vereinbar sind, weil vor allem die Futteraufnahme aus Weidegras der begrenzende Faktor ist. Selbst mit qualitativ höchstwertigem Weidegras (nahezu nur im Frühjahr erreichbar) sind Milchleistungen daraus auf ca. 20 kg/Kuh und Tag begrenzt. Für höhere Tagesmilchleistungen muss eine Kraftfutterzugabe erfolgen, die dann aber wiederum Weidefutter auch stark verdrängt. Aus diesem Grund wird die tägliche Kraftfuttergabe mehr als bei Stallfütterung limitiert.

Da die Futteraufnahme auf der Weide wesentlich mehr Einflüssen unterliegt, wie z. B. dem Alter und damit der Verdaulichkeit des Grases, der angebotenen Futtermenge, einer eventuellen Verschmutzung durch Erde oder Exkremente oder der Wasserversorgung, ganz besonders aber der Witterung, schwankt sie deutlich stärker als im Stall. Das wiederum erschwert auch die Fütterungskontrolle und das Controlling.

Zufütterung ist notwendig

Gerade für Milchkühe mit hohen Milchleistungen ist besonders aus pansenphysiologischer Sicht das Weidegras kein ideales Alleinfutter.

Abgesehen von der Übergangsfütterung zum Weideaustrieb ist aus diesen Gründen eine, je nach Vegetation der Grasaufwüchse, unterschiedliche Zufütterung wichtig, um:

  • ggf. eine Strukturarmut zu verhindern,
  • Eiweißüberschüsse im Pansen zu reduzieren,
  • genügend nutzbares Protein im Dünndarm zu liefern,
  • Mineralstoffangebote auszugleichen und
  • Nährstoffverhältnisse zu optimieren (Nährstoffsynchronisation).

Kraftfutter: energiereich, XP-arm, nXP-reich

Mit steigendem Weidefutteranteil an der Tagesration muss die Kraftfuttermenge reduziert werden, da die Weide in stärkerem Maße verdrängt wird, als die üblichen Futterkonserven. Bei Halbtags- bzw. Stundenweide sollte selbst bei hohen Tagesmilchleistungen die tägliche Kraftfuttergabe acht Kilogramm, je nach Weidefutteranteil, nicht überschreiten. Je höher die beigefütterte Grobfuttermenge und je gleichmäßiger die Verteilung der Kraftfuttergaben ist, umso besser können hohe Leistungen über die entsprechende Beifütterung von Kraftfutter ermolken werden. Ideal wäre die gleichzeitige Zugangsmöglichkeit zu Weide, Grob- und Kraftfutter, Letztere in einer gemischten Ration. 

Weide mit Stallration

Gleichbleibende physiologische pH-Verhältnisse im Vormagensystem der Kuh bedeuten konstante Lebensbedingungen für deren Bakterien und bilden letztlich eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine höchstmögliche Mikrobentätigkeit. Je mehr sich die einzelnen Futterbissen der Kuh in ihrer Nährstoffzusammensetzung aber voneinander unterscheiden, umso größer werden pH-Schwankungen im Pansen. Diese beeinträchtigen nicht nur die Bakterienproteinsynthese, sondern wirken auch nachteilig auf die Pansen- und damit Stoffwechselgesundheit.

Wenn Kühe einerseits über mehrere Stunden ausnahmslos Weidegras aufnehmen und andererseits dann versucht wird, einige Stunden später mit anderen Futtermitteln gewisse N-Überschüsse oder einen Energiemangel durch das Gras auszugleichen, sind damit größere pH-Schwankungen und letztlich immer auch unterschiedliche Nährstoffanflutungen im Pansen verbunden.

Um diesem zumindest in großen Teilen entgegenzuwirken, kann den Tieren eine vollwertige „Stall-TMR“ zusätzlich zur Weide angeboten werden. Das praktizieren bereits viele Betriebe, in dem sie also den Stall fest mit ins Weideregime integrieren.

Fazit

Die Anpassung der Fütterung an das gewählte Weidesystem und das Leistungspotential der Herde ist ein wesentlicher Bestandteil im Weidemanagement. Hohe Einzeltierleistungen sind in Kombination mit Weide nur dann möglich, wenn den Kühen im Stall weiterhin eine ausgewogene, hygienisch gute, attraktive Futterration (bestenfalls TMR) angeboten wird, zu der sie jederzeit Zugang haben. Wenn die Weidegrasaufnahme selbst bei einer Halbtagesweide vier bis fünf Kilogramm Trockenmasse nicht überschreitet, müsste die im Stall angebotene Ration höchstens geringfügig – je nach Harnstoffgehalt in der Milch u. a. beim XP-Gehalt – verändert werden.