Weidestart: Vorsicht bei zu hoher Futteraufnahme in kurzer Zeit

Kurz: Blähungen, Tetanie, Labmagenverlagerung und langfristig Klauenprobleme drohen, wenn melkende Kühe (Milchkühe, Mutterkühe) in kurzer Zeit zu viel nährstoffreiches Weidefutter aufnehmen, besonders bei kleereichen Beständen, aber auch bei sehr jungen, grasreichen Aufwüchsen.

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Beobachtungen aus der Praxis:

Bei frühem Auftrieb auf noch kurze Narbe: Keine Probleme

Wo die Kühe früh auf die Weide kamen, dort gab es auch in diesem Frühjahr keine Probleme. Und dass auch auf Betrieben, die innerhalb von zwei bis drei Wochen zur Vollweide übergingen, vorher im Stall vorwiegend Grassilage oder Heu gefüttert hatten. Bei der noch kurzen Narbe mussten sich die Tiere viel bewegen, um satt zu werden. Und mit jedem Bissen wurde nur wenig Futter aufgenommen und gut eingespeichelt. Das gibt stabile Pansenbedingungen, wie eine Untersuchung bei 26 Kühen vor zehn Jahren zeigte.

Probleme bei hoher Futteraufnahme in kurzer Zeit

Aufgrund von Nässe konnten viele Betriebe dieses Jahr erst spät auftreiben oder stehen noch davor. Und da sieht es ganz anders aus: Zwischenzeitlich steht verbreitet schon viel Futter, sogar auf Grünland teils mehr als 20 dt/ha an Trockenmasse. Auf diesen Flächen können die Weidetiere in kurzer Zeit große Mengen sehr nährstoffreiches Futter aufnehmen, vor allem, wenn sie hungrig sind (Energiegehalte von fast 8 MJ NEL/kg T, gleichzeitig hohe Proteingehalte). Was dann passieren kann, dass zeigen die Rückmeldungen aus der Praxis:

Blähungen, Tetanie, Labmagenverlagerung

Mehrere Landwirte berichteten dem Öko-Team der Landwirtschaftskammer NRW in den letzten beiden Wochen von den genannten Problemen. So etwas hatten sie schon lange nicht mehr erlebt. Speziell zur Tetanie: So berichtete am Höfe-Stammtisch Mitte April hierüber ein Landwirt aus Belgien, dessen Grünland auf lehmig-tonigem Boden liegt. Passend hierzu die Erfahrungen von Roland Labohm aus seiner Zeit als Tierarzt in Schleswig-Holstein: Dort trat Tetanie jährlich in den ersten drei Wochen der Weidezeit auf Marsch auf, ebenfalls schwerer Boden. Vielleicht das Besondere auf diesen Böden: Der Weideaufwuchs besteht im Frühjahr fast ausschließlich aus Deutschem Weidelgras: Besonders energie- und zuckerreich, aber bei großer Menge im Pansen in dieser Form kann es eine Bombe sein. Was hier half: Magnesiumgabe über Bolis.

Nach Labohm waren in Schleswig-Holstein Milchkühe betroffen, nicht dagegen Aufzuchtrinder. Ein besonders ernster Fall, den der Autor erleben konnte, ereignete sich 1994 im Münsterland: sechs tote Mutterkühe in einer Herde von 20 Tieren durch Tetanie. Und dass, obwohl genug Magnesium im Weideaufwuchs war. Entscheidend aber ist nicht nur der Gehalt im Futter. Entscheidend ist auch die Aufnahme im Pansen. Bei nur kurzer Verweildauer des Futterbreis im Pansen ist die Magnesium-Aufnahme über die Darmwand begrenzt. Die Aufnahme begrenzend wirken wahrscheinlich auch niedrige pH-Werte im Pansen und hohe Proteingehalte im Futter.

Gegenmaßnahme: Neben langsamen Übergang von Stall- zu Weidefütterung magnesiumhaltiges Mineralfutter geben, bei Mutterkühen Boli verwenden.

Blähungen: Bericht eines Praktikers vom Rande des Schwarzwaldes

Berichtet wird von einer Jersey-Herde auf einer Weide, die vor sieben Jahren auf altem Ackerland angesät wurde. Typisch für derartige Neuanlagen: Aufgrund des noch niedrigen Humusgehaltes und der verhaltenen Stickstoffnachlieferung aus dem Boden wächst das Gras weniger stark und der Weißklee hat höhere Anteile im Aufwuchs. Lücken aus den Trockenjahren haben diesen Effekt verstärkt.

Erfahrungen 2021: Bei sonniger Witterung im Frühjahr gab es Blähungen. Dabei fünf tote Kühe. Die Weide wurde als Portionsweide gefahren, bei Auftrieb auf die neue Portion war der Aufwuchs 10 – 12 cm hoch. Eine Konstellation, wo auch in typischen Weideländern wie Neuseeland Blähungen gehäuft vorkommen können.

April 2022: Seit Anfang März wurde geweidet. Zuerst nur drei Stunden und auf sehr kurzen Aufwuchs. Da gab es keine Blähungen. Nach 60 mm Niederschlag und anschließend viel Sonne, tags 15 – 20 o C, nachts 4 o C, gab es starken Zuwachs. Der Weideanteil wurde auf 50 % angehoben, im Stall gab es Kleegrassilage (strukturreich, da 2021 spät geschnitten) und 0,5 kg Kraftfutter. Die Wuchshöhe war nicht so hoch wie in 2022: 5 – 6 cm bei Zuteilung der neuen Fläche.

Trotz niedrigerem Wuchs Blähungen: morgens nach 2 Stunden fingen die Kühe an zu blähen. Sie wurden dann für 1,5 Stunden in den Stall geholt, bis die Hungergrube wieder eingefallen war. Bis zum Abend ging es mehrmals rein und raus. Zuletzt nach sonnenreichen Stunden reichte eine Stunde und schon blähten sie wieder.

April 2023: zwei Kühe haben zwischenzeitlich wieder gebläht, zum Glück rechtzeitig gesehen.

Mögliche Lösungen gegen Blähungen:

(von Francis Jacobs, der seit vielen Jahren Kleegras beweidet)

Landwirt Jacobs aus Luxemburg beweidet fast ausschließlich Kleegras. Der Weideanteil liegt bei etwa 70 % der Gesamtration. Seit er nachfolgendes beachtet, kommen in seiner Herde kaum noch Blähungen vor.

  1. Kühe nie hungrig auf Weide mit viel Klee.
  2. Fläche kurzhalten (Kurzrasenweide). Dann hat man auch mit viel Klee kaum Probleme.
  3. Maissilage, gutes Heu oder Kleegrassilage mit etwas Stroh gemischt zufüttern (0,5 bis 1 kg/Kuh) (maximal 5 cm Länge). Die Darmpassage muss gebremst werden! Ansonsten hat man eine schlechte Verwertung des Futters und das Risiko von Blähungen.
  4. Tonerde anbieten zur freien Aufnahme (wirkt beruhigend auf die Verdauung).

Das Ökoteam der LWK NRW ergänzt dazu:

Bei schon hohem Aufwuchs Rhythmus einhalten (Kühe sind Gewohnheitstiere): Austrieb täglich zur gleichen Zeit und zuerst nur wenige Stunden, nachdem vorher im Stall gefressen wurde. Anfangs erfordert das Geduld, wenn die Kühe im Stall nicht fressen wollen und nach außen drängen.